Loading...
X

Wut

Warum müssen Menschen stets analysieren, was schief gelaufen ist und was nicht. Warum bei allem, was sie tun, ein Resümee ziehen. Warum binden sich Menschen diesen Ballast auf die Seele, wissen zu wollen. Verstehen zu wollen. Vielleicht, weil sie sich einbilden beim nächsten Mal alles besser machen zu können? Vielleicht, weil sie nicht wissen, was sie sonst machen sollen? Oder vielleicht, weil sie sich der Illusion hingeben, dass sie aus ihren Fehlern lernen. Was durchaus im Bereich des Möglichen liegt. Aber mal Hand aufs Herz und ganz unter uns:

Menschen machen gerne zweimal den selben Fehler. Bestenfalls anlässlich der Vorstellung, es beim zweiten Mal auf  j-e-d-e-n  Fall besser machen zu werden.

Wie einfach wäre das Leben, wenn wir unseren Ballast einfach am Straßenrand stehen lassen könnten. Einfach so. Wie einen Koffer mit gebrauchten Windeln, weil wir uns entschlossen haben, die ganze Scheiße nicht mehr mit uns rumzuschleppen. Wie einfach wäre es, wenn wir nicht immerwährend abwägen, jeden unserer Schritte gewichten und immer auf der Hut sein müssten, nicht verletzt zu werden. Wie geil wär das?

Egal wie hilfreich sie sonst ist, in diesem Fall ist die Erfahrung eine Schlampe, eine richtige Schlampe. Zwingt sie uns doch immer größere Koffer auf immer längeren Wegen mit uns zu schleppen.

Ich würde gerne mal ein paar Wochen ohne Prüfung einfach ins Land plätschern lassen, wie normale Menschen, die sich abends auf den Fernseher freuen und am Wochenende auf ein Fußballspiel. Normale Menschen, die sich ihren Kaffee überteuert bei seelenlos uniformen Weltkonzernen kaufen, immer eine Hand am Smartphone und eine Hand am To-Go-Becher.

Ich beginne damit, dass ich enttäuscht bin. Eigentlich bin ich schwer zu enttäuschen. Einerseits, weil ich von anderen Menschen nicht viel erwarte, andererseits weil ich weiß, dass ich mindestens ebenso viele Macken habe, wie alle anderen auch. Weil nicht immer alles so ist, wie es scheint und sowieso alles zwei Seiten hat. Mindestens.

Das komische ist, dass ich von mir enttäuscht bin. Darüber, dass es tatsächlich noch Menschen gibt, die mich enttäuschen können. Verrückt, oder?

Ich verstehe nicht, warum es vielen so schwer fällt, offen und ehrlich zu sein. Lasst uns aufrichtig mit einander umgehen. Klar, nicht immer, nicht beim Bäcker, im Supermarkt, in der Bank oder der bei Steuer. Aber dann, wenn´s drauf ankommt. Bitte, lasst uns an der Straße (freundlich) grüßend an einander vorbei gehen, wenn wir uns nichts zu sagen haben. Schlucken wir das unverbindliche und von wenig Interesse zeugende “Wie geht´s” oder „Alles gut?“ einfach mit reichlich Spucke runter und heben es uns für Tage auf, an denen es uns auch wirklich interessiert. Oder für jemanden.

Es könnte so einfach sein. Oft reicht schon eine Entschuldigung. Gefühle lassen sich ohnehin nicht erklären, sie kommen und gehen wie die Jahreszeiten oder der Herbstnebel, wenn die letzten warmen Strahlen der Sonne die Wolken durchbrechen. Es ist so einfach, sich zehn Minuten Zeit zu nehmen und einfach zu sagen, was man denkt, wie unschön diese Gedanken für das Gegenüber auch sein mögen. Und sei es nur, um einer anderen Person die Möglichkeit zu geben, aufzuräumen, einmal feucht durchzuwischen und abzuschließen. Und ihm oder ihr die Gelegenheit geben, die Vergangenheit in guter Erinnerung zu behalten.

Die schlichte Wahrheit ist, dass es anderen Menschen einfach manchmal egal ist, wie es einem geht. Und auch wenn das widersinnig klingt, auch wenn es sich nicht so anfühlt: sie handeln oft gar nicht aus Boshaftigkeit. Nicht, weil sie gemein sind. Oder weil sie schlechte Menschen sind. Sondern, weil sie es einfach nicht besser wissen, nicht besser können. Weil sie irgendwann gelernt haben, dass man Problemen nur lange genug aus dem Weg gehen muss, damit sie verschwinden. Weil sie einfach nicht wissen, was sie sonst tun sollen.

Das ist keine besonders nette oder schöne Art, aber enorm effektiv. Eigentlich müsste man diese Menschen in den Arm nehmen, ganz lange und ganz fest drücken und ihnen sagen, dass es einem Leid tut, dass sie so geworden sind. Unfähig sich emotionalen Konfrontationen zu stellen. Aber das ist in einer solchen Situation ja auch wieder reichlich komisch.

Leider ist es ganz egal, wieviel man zusammen erlebt hat, wieviele Nächte man zusammen verbracht hat, wie viele Sorgen man zusammen durchgestanden hat und wie viele Freuden man sich gegenseitig geschenkt hat. Es ist egal.

Das Schwierigste dabei ist, es zu akzeptieren, dass manche Menschen nunmal so sind, auch wenn man es selber nicht versteht, es selber nicht nachvollziehen kann. Es ist verdammt hart, sich von allen Konjunktiven zu trennen. Die “wenns” und “abers” zurück in den Schrank zu legen zu den alten Turnschuhen, die ihren Weg schon gegangen sind, und einfach loszulassen. So hart das ist, so schmerzlich es einen trifft, erst danach hat man die Gelegenheit neu anzufangen.

Ich habe mich lange dagegen gewehrt zu akzeptieren, dass dieser wichtige Mensch mich enttäuscht hat. Weil es so wahnsinnig unnötig war. Und es so einfach gewesen wäre. Man kann niemanden vorwerfen, dass er “falsch” fühlt, die Gefühle nicht erwidert, aber man kann Menschen vorwerfen, dass sie nicht offen und ehrlich sind, nicht sagen, was sie denken, dafür so lange beschissen handeln, bis es auch das dümmste Gegenüber gemerkt hat.

Ich bin wütend.

Es ist aber auch so wahnsinnig einfach, wütend zu sein. Es ist auch legitim, wütend zu sein. Wut ist ein Urinstinkt. Er steckt in jedem von uns. Wut hat es der Menschheit ermöglicht zu überleben. Ohne die Wut, wäre der primitive Mensch wohl ausgestorben. Wut treibt einen Menschen in Notsituation an seine Grenzen und darüber hinaus. So sehr Wut aber auch evolutionär seine Berechtigung findet und so sehr man auch ein Recht hat, wütend zu sein: Wut führt zu nichts. Wut verhindert, blockiert, verschleiert den Blick. Und so richtig sich Wut in vielen Momenten anfühlt, bleibt es letztendlich doch nur eins: Ein Ausdruck von Hilflosigkeit und Schwäche.

Ich habe geschrien bis die Lungenflügel knisterten und getobt bis der Schweiß aus den Poren quoll, habe Sachen zertrümmert, mir die Fäuste blutig geschlagen, Türen geknallt, Gegenstände getreten. Oh ja, ich war wütend. Richtig wütend. Der Hulk sah gegen mich wie ein Plüsch-Teddy mit rosa Löckchen und Prinzessinen-Krone aus.

Aber dann habe ich mich entschieden, dass ich nicht mehr wütend sein will. Dass ich mein Fühlen und Handeln wieder selbst bestimmen können möchte. Und mit Wut schaffe ich das nicht. Die Wut stellt sich mir nur immer wieder in den Weg und sagt mir immer wieder selbe. Du bist im Recht. Du darfst wütend sein. Es ist richtig, was du tust. Mach weiter und kümmer´dich nicht um andere. Und damit endet der Lösungsansatz der Wut auch schon. Das ist das blöde an der Wut, sie bietet dir einen schnellen, effektiven Lösungsansatz ohne Hoffnung auf Selbigen. Wut um der Wut willen.

Es ist schade, dass nicht alle Menschen die gleiche Größe in ihrem Handeln zeigen können. Ich kann das nicht ändern. Ich denke, dass eigentlich jeder Mensch das will. Größe zeigen. Also versuche ich es – so oft ich kann – für andere Menschen mit zu übernehmen. Und ja, das ist manchmal ein scheiß Gefühl. Es ist ein scheiß Gefühl, gleiches nicht mit gleichem zu vergelten und stattdessen inne zuhalten und wieder und immer wieder einen ersten Schritt zu wagen. Größe zeigen heißt für mich vor allem zu vergeben. Allen Groll verpuffen zu lassen und weiter zu machen.

Vergeben tut man nicht für andere Menschen. Man tut es für sich selbst. Damit man abschließen und neu beginnen kann. Damit man seinen Ballast los wird. Damit man den Koffer mit den Windeln an den Straßenrand stellen kann. Ganz einfach. Nicht für andere, damit die ein gutes Gewissen bekommen und sich nicht mehr schlecht fühlen müssen – das kann natürlich damit einher gehen.

Nicht für andere, nur für sich selbst.

Am Ende des Tages ist schlussendlich nur eines ausschlaggebend. Dass man sich selber noch im Spiegel angucken mag. Erhobenen Hauptes.

Menschen kommen. Menschen gehen. Nichts ist für immer. Und mit ein bisschen Glück bleibt einer dieser Menschen für einen Teil des Weges. Zwingen kann man ihn ohnehin nicht.

Kommentar hinterlassen

%d Bloggern gefällt das: