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Tag 2

Tag 2 – 5. Noch immer zucke ich zusammen, wenn das Telefon klingelt. Noch immer denke ich, ob sie es vielleicht ist. Ist sie natürlich nicht. Okay, eine SMS hat sie mir geschrieben, die ich unbeantwortet ließ. Natürlich nur in der realen Welt, in meinem Kopf habe ich mindestens 10.000 Antworten formuliert. In Filmen würde die Hauptperson nun einen Whiskey in irgend einer heruntergekommenen Bar schlürfen. Oder es würden Erinnerungen eingeblendet, wie man glücklich Hand in Hand und in Zeitlupe über eine blumenüberflutete Wiese läuft. Der Film würde nun die ganze Latte billiger Klischees abspulen, untermalt von schnulziger Musik, die einem unaufhaltsam die Tränen in die Augen treibt.

Das blöde an Klischees ist, dass sie immer dann auftauchen, wenn man sie so gar nicht gebrauchen kann. So kreisen meine Gedanken den ganzen Tag nur um sie und machen mich beinahe handlungsunfähig. Mein Verstand scheint sich in den letzten Tagen verbeamtet zu haben, erst um 11h aufzustehen und sich bereits um 12h in den Feierabend zu verabschieden. Ich kann nicht schlafen, nicht essen, nicht lachen. Aber an sie denken, das kriege ich mit durchgängiger Regelmäßigkeit noch ziemlich gut hin. Nur Kaffee trinken geht noch. Gott sei dank.

Die Attacken kommen in Schüben. Wie Schuppenflechte. In einem Moment geht es mir blendend, ich spüre wie mich neue Kraft durchströmt, wie es mir besser geht, so gut, dass ich vor lauter Euphorie das nächste Shuttle-Programm der NASA ins Leben rufen könnte. Im nächsten Moment bin ich am Boden zerstört und möchte eben grad ins Leben gerufene Weltraum-Programm nutzen, um sie auf den Mond zu schießen. Oder mich. Wahlweise uns beide. Aber das wäre ja beinahe wieder romantisch.

Ansonsten verschwimmen die Tage in einem dunklen Brei herein brechender Herbstdepression, nur dass ich dafür eben keinen Herbst brauche, obwohl es jahreszeitlich so gut passen würde. So muss es sich anfühlen, Mitglied der FDP zu sein. Aus lauter Verzweiflung gucke ich „Wetten, dass…“, nur damit ich merke, dass man glücklicherweise noch tiefer sinken kann. Fremdschämen hilft ein wenig.

Meine Freunde wollen mich zum Trinken einladen. Ich erwidere, ich trinke nicht. Wir alle lachen herzlich.

Gestern habe ich die erste warme Mahlzeit seit einer gefühlten Ewigkeit gegessen. Abends (oder morgens oder mittags, vielleicht auch gar nicht gestern, sondern wann anders – Zeit nimmt momentan einen sehr relativen Begriff in meinem Leben ein) den berühmten Satz Henry Fords „Den gibt es in allen Farben, solange es schwarz ist“ gehört und herzlich gelacht.

Mit jedem Tag beginnt nun die Erinnerung an sie, an uns, zu verblassen. Eine feine Sache ist das. Einerseits. Andererseits ist es aber das Schlimmste, was ich mir vorstellen kann. Mit anzusehen, wie von nun an jeder Tag dazu beitragen wird, das bisher liebgewonnene „wir“ langsam auszuhauchen. Von nun an werde ich jeden Tag eine Winzigkeit ihrer kleinen, so liebenswerten, Macken vergessen. Immer nur eine lächerliche bedeutungslose Menge, so unmerklich groß, dass ich mit jedem neuen Tag nicht weiß, dass ich sie vergessen habe. Bis zu jenem Tag, an dem ich nicht mehr weiß, mit welchem Ritual, sie den morgendlichen Kaffee zubereitete. Bis ich nicht mehr erahne, welche unmerklichen Geräusche sie des Nachts von sich gab. Bis mich nicht mehr daran erinnere, welchen Käse sie immer mit den gleichen Worten auf dem Wochenmarkt kaufte oder mit welcher Eleganz sie immer wieder aufs Neue ihre Haargummis verlegte, nur damit sie Tage und Wochen später an den unmöglichsten Orten wieder auftauchten. Es kommt der Tag, an dem ich mich nicht mehr erinnere, wie sie riecht oder schmeckt, wie sich ihre Haut anfühlt.

Das ist das schlimmste. Daneben zu stehen, einen geliebten Menschen gehen zu lassen und zuzulassen, ihn zu vergessen. Stück für Stück für Stück. Irgendwann werde ich versuchen mir ins Gedächtnis zu rufen, wie es war mit ihr im Arm sich über die Touristen am Hafen lustig zu machen. Ich werde da stehen oder in meinem Bett liegen und versuchen, die Erinnerung zurück zu holen. Und ich werde es nicht schaffen. Ich werde nicht wissen, wann ich sie vergessen habe, nur irgendwann feststellen, dass es so ist. All die teuren Kleinigkeiten, die unzähligen Facetten, die dazu führten, dass ich mich in sie verliebte, werden wie ausgelöscht sein. Und das, so wichtig und richtig dieser Prozess auch ist, und das finde ich unsagbar traurig.

Und doch ist es so wichtig, loszulassen und Platz für jemanden neues zu schaffen. Weil die Erinnerung einen nachts nicht warm hält und sich näher zu einem kuschelt, wenn die Welt draußen kalt ist. Weil die Erinnerung sich mitunter wie ein Krebsgeschwür auf die Seele legt bis der ganze Körper von ihr vergiftet ist. Und vergiften kann ich den schon alleine.

3 observations on “Tag 2
  1. Yasemin104

    Erlaube mir, dass ich sage, dass das wirklich wundervoll geschrieben ist. Auch wenn es wehtut, sowas zu lesen. Man wünscht es keinem, wenn aus einem WIR wieder ein Sie und Er werden, die getrennte Wege gehen. Loslassen, ja, das gehört dazu, aber das tolle ist, dass wenn du sie vergessen hast, die schönen Momente wiederkommen. Du wirst traurig sein am Anfang, aber dann werden die schönen Momente kommen und du wirst wieder lachen können. Da bin ich mir sicher.

     
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    1. etappenwaise

      Vielen Dank für deine Worte. <3
      Ich stimme dir zu. Außerdem: Wenn´s nicht wehtut, hat´s auch nichts bedeutet. So ist es eben. Also Augen zu und durch. :)

       
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