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Tag 1

Tag 1 nach dem Lebewohl-sagen. Der Vernunftsentscheidung. Der kampflosen Aufgabe. Keine Tränen, kein Geschrei, kein Nichts. Ein kurzer Anruf mit mehr Schweigen als Reden, das war´s, Ende, Aus, Bye-Bye und Ciao. Am nächsten Morgen wache ich mit einem Schädel auf, da könnte man gemütlich einen LKW drauf parken – rückwärts, mit verbundenen Augen. Die Betäubung vom Vorabend lässt nur langsam nach, ich fühle mich, als würden tausende Ameisen unter meiner Haut Tango tanzen, während jede Drehung des Kopfes mit Schmerzen nahe der Bewusstlosigkeit verbunden ist. The Day after.

Ich habe überlebt, aber meiner Verfassung nach nur ziemlich knapp. Die Erinnerung kehrt zurück. Mist. Vor lauter dröhnender Birne habe ich nicht an sie gedacht. Es fühlt sich falsch an. Wie eine Flucht, weil man zu kraftlos war, sich aufzubäumen und zu kämpfen. In beiderseitigem Einvernehmen, Danke, gern geschehen, der nächste bitte.

Jetzt kommt die Wut. Wieso gibt sie uns so einfach auf. Warum findet sie die Entscheidung gut. Nicht mal treffen wollen wir uns. Drei Sätze, plus viel Schweigen (klar), am Telefon. Das war´s. Wahnsinn, das ist mir noch nie passiert. Soviel hatte ich noch vor. Ich wollte morgens auf der Kaimauer sitzen und den Sonnenaufgang betrachten. Dabei einen Becher heißen Kaffee in der Hand halten und wortlos den Beginn eines neuen Tages feiern. Ich wollte sehen, wie die ersten Sonnenstrahlen auf den winzigen Wellen im Hafenbecken tanzen, während ihr Kopf an meiner Schulter lehnt. Ihre Nähe aufsaugen, einatmen. Genau wie diesen Moment. Ich wollte wortlos mit ihr da sitzen und das Erwachen der Stadt beobachten.

Nachdem Aufstehen, gearbeitet. 12 Stunden am Stück ohne Pause, an einem Feiertag. Es tut immer noch weh. Von wegen, Arbeiten macht den Kopf frei. Frei ist der von drei Asperin. Es ist dunkel. Die Gedanken an sie verfolgen mich. Wir werden nie wieder, nie nie wieder, miteinander einschlafen, dabei reden und lachen. Nie wieder werde ich ihr gegenübersitzen mit diesem Gefühl, dass sie mich einfach versteht. Nie wieder werden wir so miteinander reden, wie wir es getan haben. Nie wieder nackt in der Küche stehen und Kaffee trinken. Nie wieder zusammen das Wochenende sonstwo verbringen. Und nie wieder werden wir zusammen am Strand schlafen. Bis zum Ende dieses Lebens, dieses einen Lebens, dieses einen, so kurzen Lebens.

Die Entscheidung ist so endgültig, wie unwiderruflich. Dabei mögen wir uns noch. Aber geben alles auf für ein wenig zu viel Selbstverwirklichung und ein wenig zu wenig kämpfen. Zu viel Vernunftsentscheidung, zu wenig Herzensentscheidung. „Du dämliche Kuh“,will ich ihr entgegen brüllen, „man lebt doch nur einmal!“ Ich dämlicher Ochse.

Gestern könnte ich das Haus nicht verlassen, ich habe mich gefühlt, als habe ich grad in Stalingrad einen Kameraden verspeist. Ich konnte keinem anderem Menschen unter die Augen treten. Heute konnte ich treten, habe die ersten Mitleidsbekundungen entgegen genommen. Die ersten „ist auch besser so“-Beteuerungen und natürlich das obligatorische „sie war sowieso nicht die richtige für dich“. Hab mich in den Arm nehmen lassen. Ich bin traurig. Mist. Muss nur das Maul aufmachen und jeder, der mich auch nur ne Arschbreite kennt, weiß, dass was passiert ist. Ich glaub, ich werde mir die Haare abrasieren. Einfach so, weil ich es kann. Und um mir selber einen Schrecken einzujagen. Und um den Cut auch körperlich Ausdruck zu verleihen. Glücklicherweise ist bald Winter, die nächsten 8 Monate ist sowieso Mützenzeit. Notfalls.

Sie wird noch mal anrufen. Frauen möchten immer Freunde bleiben. Ich bin gespannt, wann es soweit sein wird. Heute war´s auf jeden Fall noch nicht so weit. Doof. Ich hätte gerne mit ihr geschwiegen. Schon witzig, wenn man sich nichts mehr zu sagen hat, obwohl einem tausend Dinge auf der Seele brennen. „Wollte mal hören, wie´s dir so geht“, das würde ich zumindest sagen. Ich schätze mal 2-3 Wochen bis zum nächsten Telefonat. Oder früher, weil sie was braucht. Ihre Sachen bei mir (Mülltonne), die Telefonnummer von soundso (keine Ahnung), technische Hilfe für jenesundwelchen (ne, is klar).

Okay. Ich bin drüber weg. Ach nee, doch nicht. Wenigstens weiß ich, wie dieser Tag enden wird. Mit viel Bewegung und körperlicher Ertüchtigung, um auf andere Gedanken zu kommen.

Haha! Sehr witzig. In diesem Sinne, Prost!

2 observations on “Tag 1
  1. emmakesselhut

    „Dabei mögen wir uns noch. Aber geben alles auf für ein wenig zu viel Selbstverwirklichung und ein wenig zu wenig kämpfen.“

    Dieser „Sch…“Satz hat mich tief getroffen. Weil ich das kenne. Danke für’s Ausformulieren.

     
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