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Shiva (2/2)

Am Ende ging alles ganz schnell. Es dauerte nur wenige Sekunden bis das erschöpfte Tier aufhörte zu atmen,  bis der Körper erschlaffte und das Herz seinen letzten Schlag tat. Mir war beinahe so, als könne ich ihn hören. Manche Katzen brauchen länger die Schwelle in den Tod zu überschreiten, der Körper setzt sich noch einige Zeit länger zur Wehr bis Herzschlag und Atmung aussetzen. Shiva hatte ihren letzten Kampf schon hinter sich, hatte tagelang nichts gegessen, auch die tierärztlichen Behandlungen hatten ihre Spuren hinterlassen, so dass sie beinahe augenblicklich dieser Welt entsagte. Da war keine Kraft mehr übrig, kein Atemzug mehr vorhanden, kein Wille mehr zugegen. Nur Erlösung und Frieden. 

Es ist unwirklich ein Lebewesen, welches man so gut kennt, zu verlieren, ihm gar beim Sterben zuzusehen.

Darauf war ich nicht vorbereitet.

Schon als Baby kam Shiva zu mir. Meiner ersten großen Liebe wegen, ich wäre damals nie auf die Idee gekommen, mir eine Katze anzuschaffen. Aber meine damalige Freundin hatte Shiva von einem Bauernhof und keine Möglichkeit sie aufzunehmen und da kam dann ich ins Spiel. Natürlich habe ich mich direkt in dieses entzückend wie winzige Geschöpf verliebt, wer würde das nicht, wenn so ein schwarz-weißes, flauschiges Fellknäuel, leichter als eine Kaffeetasse, dich mit großen Augen an mauzt. Dass sich die Bindung zwischen Mensch und Tier aber über die Jahre derart festigte, damit hatte ich damals nicht gerechnet.

Über ein Jahrzehnt habe ich mir keine Gedanken darüber gemacht, was ich tun würde, sollte Shiva einmal sterben. Und plötzlich vor ca. einem Monat kam mir der Gedanke, was wäre eigentlich Shiva würde krank und müsste eingeschläfert werden? Oder würde eines natürlichen Todes sterben? Es waren zuerst rein organisatorische Fragen. Ich habe mich tagelang gedanklich damit auseinandergesetzt. Aber es war alles unwirklich und weit weg, ich dachte nicht, dass diese Gedanken jemals mehr als reine Theorie werden würden. Rein emotional war es so, als würde Shiva ewig leben. Katzen sieht man es ja auch im Gesicht nicht an, wie alt sie sind oder wie es ihnen geht.

Ich kenne Shiva besser als die meisten Menschen. Im Gegensatz zu Menschen verstellen sich Katzen eben auch nicht, enttäuschen einen nicht. Sie sind wie sie sind. Wenn du nicht willst, dass sie dir die Wurst vom Teller klauen, lass einfach keine Wurst liegen. Ich weiß, wie Shiva auf welche Berührung reagierte oder wie sie sich „anschlich“ wenn sie Streicheleinheiten erhaschen wollte.  Für den Staubsauger, den Endgegner einer jeden Katze, hatte Shiva nicht einmal ein müdes Lächeln übrig, nur wegen eines bisschen Lärms hatte sie sich nicht von ihrem Lieblingsplatz bewegt. Wenn ich las, fand sich Shiva schnell auf meinen ausgestreckten Beinen wieder oder malträtierte das Buch solange mit Krallen und Kopf, bis ich ihr mehr Aufmerksamkeit schenkte als der Lektüre.

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Noch immer erwarte ich Shiva beim Öffnen der Wohnungstür, meine Beine umschmeichelnd, vorzufinden. Noch immer blicke ich auf ihren Lieblingsplatz am Fenster und bin im ersten Moment überrascht, dass sie nicht da ist. Noch immer warte ich unterbewusst im Bett darauf auf einmal 4 Tatzen zu spüren, die gemütlich meinen Rücken empor wandern.

Jetzt, nicht einmal eine Woche nach der letzten Schmuseattacke, erinnern nur die überall in der Wohnung verteilten Katzenhaare an sie, kein Getrappel des Nachts, kein Miaue, wenn ich nach Hause komme, kein Gequengel wenn ich koche. Nichts als Stille. Ihr Platz auf der Fensterbank bleibt leer.

Es ist komisch, dass die täglichen Rituale der vergangen 13 Jahre nun einfach wegfallen. Weggefallen sind. Diese Endgültigkeit ist schwer zu begreifen. Das Leben ist eben doch einfach da und wird als Selbstverständlichkeit hingenommen, da kann man sich noch so häufig einreden, dass dem nicht so ist. Und ja, das ist gut so, immerhin haben wir nur eins. Ich habe mir schon häufig vorgenommen jede Minute zu genießen, als wäre es die letzte, aber immer kommt etwas dazwischen, meistens ist´s der Alltag. Bis man mit dem Tod konfrontiert wird und für einen Wimpernschlag seines Lebens merkt, dass das Leben eben doch endlich ist.

Nachdem die Tierärztin Shiva eingeschläfert hatte, konnte ich nicht begreifen, was da gerade passiert ist, als ich auf Shivas toten Körper niederschaute, der nur wenige Sekunden zuvor noch geatmet hatte. Als wollte einfach nicht in meinen Kopf rein, was da gerade passiert ist. So richtig kann ich es noch immer nicht glauben.

Ich glaube, Shiva hatte ein gutes Leben, ein Erfülltes und Liebevolles. Darauf kommt es an. Und ich bin froh, ein Teil dessen gewesen zu sein.

Nachdem mein Haustierarzt für Shiva keine eindeutige Diagnose stellen konnte, bin ich am Tag des deutschen 7:1 Triumphes über Brasilien im WM-Halbfinale in die Tierklinik im Norden Hamburgs gefahren, von einer schemenhaften Hoffnung getrieben, eine stationäre Aufnahme könnte jenes Wunder bewirken, welches ich so dringend herbei sehnte. Ich musste nicht lange warten, mein Haustierarzt hatte mich bereits telefonisch angemeldet. Noch während die Arzthelferin einen Zugang für Blut und oder Medikamente vorbereitete, schaute sich die Ärztin das Röntgenbild nochmals an um mir nur Sekunden später den Tumor in der Lunge zu zeigen.

Die Endgültigkeit ihrer Aussage traf mich wie ein Schlag, aber ich hatte Shiva versprochen, sie nicht unnötig leiden zu lassen und dieses Versprechen war ich gewillt zu halten.

Shiva schien zu merken, dass unser gemeinsamer Weg nun zu Ende sein sollte. Und auch wenn sie mittlerweile so entkräftet war, dass sie den Kopf nicht mehr heben konnte, fand sie just in diesem Moment noch die Kraft auf meine Hand zuzurobben, die am Ende des stählernen Behandlungstisches lag.

Als sie mich schwer atmend erreicht hatte, legte sie mit der letzten ihr zur Verfügung stehenden Kraft ihren Kopf ein letztes Mal in meine Hand, ich spürte ihre Wärme und sie die Meinige, um wenige Sekunden später diese Welt für immer zu verlassen.

3 observations on “Shiva (2/2)
  1. westendstorie

    Tut mir sehr leid, berührt mich grade sehr. Hab eben solches vor nicht allzu langer Zeit ebenso erlebt… Wie lange ich noch automatisch Katzenfutter kaufen wollte und mich im Supermarkt mit Futterschälchen in der Hand erwischte. So viele Automatismen die noch lange erinnern werden…..:(

     
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    1. etappenwaise

      Dank dir! So ein Katzenwesen ist dann doch ein größerer Bestandteil des Lebens. Ich verstehe genau was du meinst, so traurig… aber auch so schön, weil man merkt, dass man Teil von etwas wirklich Großen war.

       
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