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Schlaflos

Nachts scheinen die Lichter der Großstadt am hellsten. Liegen still wie ein Schleier auf der Stadt und leuchten als hätten sie nie etwas anderes getan. Es hat etwas friedliches, während die Nacht wie ein dunkler Mantel die Straßen bedeckt während nichts ihr zu entkommen scheint.

Nachts scheint eine Ewigkeit zu vergehen, auch wenn sie nur ein flüchtiger Wimpernschlag, ein unmerklicher Augenblick in Antlitz aller Zeitalter ist. Die Nacht hat ihre eigene Magie, umhüllt mal alle Sorgen in Wohlgefallen, lässt mal alle Befürchtungen in einer gleißenden Supernova explodieren. Mal ekstatisch vibrierend, mal liebevoll flüsternd.
Nachts steht die Welt still, der pulsierende Atem der Stadt ist zu einem dumpfen, kaum merklichen Pochen geworden. Vereinzelt huschen jene Schatten des Tages vorbei, für die die Nacht zur Spielwiese geworden ist. Der Lärm der Großstadt, die immerwährende Geißel unserer Zeit, ist verschwunden, als habe er niemals existiert.Nachts liege ich wach. Vor Müdigkeit kann ich meine Glieder kaum noch spüren. Ich atme die kalte, friedvolle Luft ein, spüre wie sie meinen Körper durchströmt und finde dennoch keine Ruhe. Ich fürchte mich vor der Nacht. Sie ist mein schlimmster Feind geworden, mein Armaggedon. Ich verabscheue die Nacht, weil sie mir den Frieden vorenthält, nach dem sich jede Faser meines Körpers schmerzlichst sehnt. Die Nacht lässt mich mit meinen Gedanken alleine, und manchmal, wenn die Kraft nicht einmal dafür reicht, bleiben mir nicht mal diese. Dann ist die Welt leer und dunkel und die Nacht nur noch die hässliche Fratze einer Existenz, die ich nie kennenlernen wollte.

Nachts packt mich die Verzweiflung und schüttelt mich, bis ich nur noch eine Hülle meiner Selbst bin, eine Schemengestalt, die ihren Weg schon lange verloren hat. Dann sehne ich mich nach dem Lärm, dem Durcheinander, dem Auf und Ab des täglichen Gezeitenstroms. Aber es gibt keinen Ausweg. Nur die Nacht, als immer wiederkehredes Mahnmal dessen, was ich war, dessen was ich nicht mehr bin. Nachts kommen sie. Die Begleiter des Schlafes, die Wächter der Unterwelt. Manch einen wiegen sie in süßer Geborgenheit, manch einen tragen sie sanft plätschernd dahin. Mich lassen sie in tiefer Dunkelheit aufschrecken, schweißgebadet und in Angst und Schrecken erstarrt. Die Träume. Und es sind viele. In allen Farben und Facetten. Sie kommen und holen mich, verhöhnen mich, schleudern mich durch eine grausame Unwirklichkeit und spucken mich wieder aus, wie einen Kaugummi, der schon viel zulange im Mund war.

So flüchtet sich mein Körper in Schlaflosigkeit. Jene Ruhelosigkeit, die an der Seele nagt und sie von innen heraus zerfrisst bis nichts mehr von ihr übrig ist. Die Nacht ist die schlimmste Zeit des Tages. Einmal möchte ich schlafen, nur einmal seelig ruhen und kraftvoll und gestärkt am nächsten Tag das Morgenlicht erblicken, während ein Lächeln auf mein Gesicht huscht und die Entspannung meinen Körper durchströmt wie die ersten warmen Strahlen der aufgehenden Sonne. Einmal möchte ich ruhen, als läge ich in Gottes Schoß und alle Geborgenheit wäre nur für mich erschaffen worden. Nach nichts sehne ich mich mehr, als eine Nacht zu schlafen, ohne von meinen dunklen Dämonen durch den Schlaf gejagt zu werden, bis ich entkräftet den nächsten Morgen erreiche, wie ein Ertrinkender das rettende Ufer. Einmal möchte ich die Müdigkeit genießen, wie sie mich niedersinken lässt und die Welt hinter einem Schleier der Glückseeligkeit versteckt. Von Feldern und Wiesen träumen, von Rehen und raschelndem Laub. Nur einmal.

Aber der Geist ist wach und verwehrt mir jede Nacht diesen sehnlichsten Wunsch. Stattdessen schickt er mich immer wieder aufs neue durch die Hölle, barfuß, in Ketten, damit ich am nächsten Morgen erleichtert, dass die Nacht vorbei ist, aufwache und die Schrecken vergessen möchte.

Nachts scheinen die Lichter der Großstadt am hellsten. Ich weiß das. Ich habe sie schon oft gesehen.

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