Loading...
X

Scheitelpunkt

Das Leben ist zurzeit nicht gerade einfach, Herz und Hirn liefern sich einen erbitterten Kampf, von der frühen Morgenstunde bis tief in die Nacht. Ein Kampf, wie er epischer nicht sein könnte. Es ist einer jener Scheitelpunkte im Leben, bei denen man auf die vermeintlichen Scherben der eigenen Existenz blickt und orientierungslos, verloren und allein nach einem Fixpunkt am Horizont sucht. Nur es gibt keinen Fixpunkt. Kein Leuchtturm, der einem den Weg weist. Keine Stimme, die einen leitet. Nur Dunkelheit. Was soll ich sagen, das Leben, mein Leben, ist zurzeit nicht gerade einfach. Aber ist es das jemals?

Es sind nicht die einfachen Momente im Leben, die einem zeigen, wer man eigentlich ist, jene Momente, in denen das Glück den Raum durchflutet wie Sonnenlicht und Spatzen ein fröhlich Liedlein von den Dächern trällern. Unsere wahre Größe beweisen wir nicht in Siegen, es sind die Niederlagen, die uns zeigen, wer wir wirklich sind. Es ist einfach aufzustehen, wenn man hingefallen ist. Wirklich schwer ist es sich am eigenen Schopf wieder auf die Beine zu ziehen, wenn man nicht mehr aufstehen kann. Wenn dir die Kraft fehlt auch nur einen Atemzug zu machen, ohne dass es so wehtut, als würde das Herz jede Sekunde explodieren. Wirklich schwer. Wahnsinnig schwer.

Aber es sind auch unsere größten Chancen, unsere wenigen Gelegenheiten im Leben, uns selbst zu beweisen, was in uns steckt. Im Grunde sind es Geschenke, sofern man sie also solche zu verstehen weiß. Zugegeben, es sind schmerzhafte Geschenke, Geschenke voller Leid und Selbsthass. Sie geben uns aber auch die unglaubliche Möglichkeit, an uns zu wachsen. Mein Leben ist zurzeit nicht gerade einfach und ich habe ein solches Geschenk erhalten.

In diesen Momenten der tiefsten, alles zerfressenden Verzweiflung, der vielen Gedanken und gleichzeitig unendlichen Leere, zeigt sich, aus welchem Holz man geschnitzt ist. Aber es zeigt sich auch etwas anderes. Es zeigt sich, wer deine Freunde sind, deine wahren Freunde und wenn du Glück hast, bemerkst du das nicht erst im Nachhinein. Bei mir sind das Menschen, die mir nicht erzählen, was ich alles falsch gemacht habe und mir nicht erzählen, wie es hätte richtig laufen können. Es sind keine Menschen, die mir Vorhaltungen machen oder mich verurteilen.

Es sind Menschen, die zum richtigen Zeitpunkt das Richtige sagen, die zum richtigen Zeitpunkt schweigen und die mich zum richtigen Zeitpunkt in den Arm nehmen und festhalten, als hätten sie ihr gesamtes Leben auf nichts anderes gewartet. Aber vor allem sind sie eins. Da. Sie sind da, wenn du sie brauchst. Auch ich bin so ein Mensch. Ich kann mich Monate nicht gemeldet haben, wenn ich aber gebraucht werde, bin ich da. Wo immer dieses „da“ sein mag. Bedingungslos und aufrichtig! Wenn es sein muss, sitze ich jeden Tag und jede Nacht an einem Bett und höre mir Geschichten von geplatzten Träumen, gescheiterten Beziehungen oder zerbrochenen Freundschaften an. Wenn es sein muss, setze ich mich mitten in der schwärzesten Nacht im stärksten Regen ins Auto und fahre hunderte von Kilometern weit, nur um da zu sein. Wo immer das auch ist. Wenn es sein muss, trinke ich zuviel und schlafe zu wenig.

Nach all den Jahren, die ich mich schon kenne, weiß ich noch immer erstaunlich wenig über mich, aber das eine ist mir gewiss: Wenn es hart auf hart kommt, bin ich der beste Freund, den man sich wünschen kann. Manchmal vergesse ich das. Vergesse, wer ich bin, aber vor allem, was für Menschen ich um mich habe.

Wenn die Welt in Flammen steht und und die Vergangenheit soviel mehr Gewicht hat, als die Zukunft, wenn jeder Moment zum Schlimmsten des Lebens wird, lehrt uns das noch etwas. Demut. Demut vor der Kostbarkeit des Lebens. Demut vor der Vergänglichkeit und Demut vor sich selbst. Im besten Fall. In diesen Dunkelsten aller Augenblicke werden wir quasi zwangsgeerdet und finden – mit ein bisschen Glück – wieder zu uns selbst. (Zugegeben, ich bin da noch ein bisschen auf der Suche.)

Irgendwer (Konfuzius) hat einmal gesagt, der Weg sei das Ziel. Das ist Quatsch. Das Ziel ist das Ziel und der Weg ist eben der Weg. Ein Weg, der manchmal etwas steinig und uneben und manchmal kurzweilig und unterhaltsam ist. Das einzig Wichtige auf diesem Weg, wobei ich nicht glaube, dass es nur einer ist, das einzig wirklich Wichtige auf diesem Weg ist, die Aussicht zu genießen. Wenn wir ehrlich sind, werden wir das Ziel nie erreichen. Wir sind halt nur Menschen. Menschen passieren Checkpoints, keine Ziele. Und haben Menschen einen Checkpoint erreicht, nehmen sie bereits den nächsten ins Visier. Nein, Menschen passieren keine Ziele. Wenn wir schon ein Ziel erreichen – und das werden wir alle ganz sicher – dann ist das der Tod. Da bin ich mir sicher.

Wirklich schlechte Zeiten müssen wir annehmen, mehr noch, wir müssen sie zulassen, ohne dabei uns selbst zu verlieren. Denn nur durch sie wissen wir die wirklich guten Zeiten zu genießen und zu würdigen. Auch daran arbeite ich noch. Aber ich glaube fest daran, dass alles einen Zweck erfüllt, der uns vielleicht nicht immer direkt klar wird. Und ja, auch ich würde diesen Zweck in meinem Fall bereits jetzt gerne kennen.

Ich glaube, ich bin ein guter Mensch. Ich hege keine Rachegelüste und wünsche niemanden etwas Schlechtes an den Hals. Schlechte Gedanken tun nämlich niemandem gut, am wenigstens einem selbst. Von Zeit zu Zeit wünschte ich, richtig hassen zu können, jemanden mit wirklicher Inbrunst verachten zu können. Aber ich kann nicht. Ich glaube, diese Charaktereigenschaft macht mir in gewisser Hinsicht das Leben schwerer, denn durchsetzen tun sich die Skrupellosen. (Nicht, dass ich nicht damit zufrieden sein könnte, was ich bisher erreicht habe.) Aber ich glaube auch, dass die Welt ein besserer Ort wäre, wenn es mehr Menschen wie mich geben würde. Menschen, die auf sich schauen, anstatt auf andere zu zeigen. Menschen, die aufhelfen, anstatt niederzumachen. Menschen, die andere an ihrem Glück teilhaben lassen, anstatt sie auszuschließen. Menschen die Dankbar sind, anstatt neidisch auf das zu schauen, was sie nicht haben. Gut, vielleicht wäre die Welt dann auch irgendwie unausstehlich, wenn wir alle rosa Glitzer kacken und auf Einhörnern reiten.

Mein Leben ist zurzeit nicht gerade einfach. Das bin ich auch nicht. Ich bin wahnsinnig kompliziert, so kompliziert, dass ich mich oft selbst nicht verstehe. Nein, ich glaube nicht, dass ich diese Packung verdient habe, die mir das Leben gerade ins Gesicht geschleudert hat, ich entsinne mich auch nicht daran, darum gebeten zu haben. Aber es ist, wie es ist. Das war es immer und wird es immer sein. Also versuche ich das Beste daraus zu machen. Vor mir haben sich Abgründe aufgetan, in die ich nie hinein blicken wollte. Ich habe Dinge gefühlt, die ich niemals fühlen wollte. Und ich habe Gedanken gehabt, die ich niemals denken wollte, so schlimm waren sie. Ich bin durch die Hölle gegangen und wieder zurück. Diese Zeit wird in meiner Vita sicher keinen Ehrenplatz erhalten, aber ich werde mich an sie erinnern. Denn sie macht mich zu dem, was ich sein werde. Ich versuche nur, nicht zu viele Schrammen und Kratzer abzubekommen. Sofern ich es schaffe, sie als das zu erkennen, was sie ist. Ein Geschenk. Kein schönes Geschenk, aber immerhin ein Geschenk.

Ich habe Sachen angebrüllt und gegen Mülleimer getreten. Ich habe die Welt verflucht und bin heulend durch die nächtlichen Straßen gelaufen. Ich bin wie ein Häufchen Elend krampflos und verzweifelt auf dem Küchenfußboden zusammen gesunken, habe Blackouts gehabt, die für ganze Biographien gereicht hätten. Ich habe getobt und verzweifelt um Hilfe gefleht. Ich habe Nächte durchgemacht, so unglaublich viele Nächte, bis die Erschöpfung in meinem Körper so groß war wie die Erschöpfung in meinem Geist. Ich habe getrunken, bis ich nicht mehr trinken konnte und noch mehr getrunken bis gar nichts mehr ging. Ich habe getrunken, um zu vergessen und getrunken, um zu erinnern. Ich stand am Strand und bin in die eisigen Fluten gesprungen, nur um das Leben wieder zu spüren. Ich habe so laut geschrien, dass mir die Stimme versagte und habe mein Handy gegen die Wand geschmissen, dass die Erde bebte. Und ich bin vor Verzweiflung fast verrückt geworden.

In den vergangenen Wochen habe ich so manches getan, nur eines kam für mich nie in Frage: Aufzugeben. Zu keiner Sekunde. Niemals. Ich werde mich wieder erheben, wie der Phönix aus der Asche. Ich werde nichts bereuen. Ein wenig wehmütig zurückblicken, vielleicht. Aber Aufgeben war nie eine Option und wird es nie sein.

Mein Leben ist zurzeit nicht gerade einfach. Das war es nie. Aber das ist okay, denn ich habe nur dieses eine.

One observation on “Scheitelpunkt

Kommentar hinterlassen

%d Bloggern gefällt das: