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Gepäck

Die junge Dame am Schalter lächelt freundlich. Ihre Mundwinkel zeigen nach oben, die Hoffnung nach unten, die Wangen sind leicht rot, die Lippen voll, dahinter eine Reihe strahlend weißer Zähne. Sie steht da und lächelt. Lächelt, als habe sie ihr ganzes Leben nichts anderes gewollt.

Die Haare hat sie streng nach Hinten zu einem Pferdeschwanz gebunden. Ihre Augen sind auffallend blau und und passen gut zu ihrem Lächeln. Sie ist in ein blaues Kostüm gezwängt, welches die Konturen ihrer Weiblichkeit weder sonderlich betont noch groß versteckt. Als wäre es nur aus dem Grund geschneidert worden, alle Sexualität zu neutralisieren. Wenigstens ihr leichtgebräunter Hautton verleiht ihrem Auftreten einen Hauch von Exotik. Sie steht noch immer da und lächelt. Lächelt ein einstudiertes Lächeln. Ein geschäftliches Lächeln. Ein Lächeln wie eine Mauer, wie ein Sichtschutz auf die eigene Seele.

Auf einmal blickt sie von ihrem Pult auf, blickt mich aus müden Augen an und gibt mir zu verstehen, dass sie nun soweit sei. Für den Bruchteil einer Sekunde glaube ich in ihren Augen ein Funkeln zu erhaschen, einen Glanz voll von Hoffnung. Ich trete zwei Schritte nach vorne, strecke mit Schwung und zuviel Euphorie meinen Pass vor ihre Nase und lächle gequält zurück.

Ich trete von einem Bein aufs andere, während sie unmotiviert in meinem Pass herumblättert und lustlos an ihrem Computer herum klickt. Hin und wieder schaut sie von ihrem Bildschirm auf, als wolle sie prüfen, ob ich mich in der Zwischenzeit vielleicht doch aus dem Staub gemacht habe. Habe ich aber nicht. Da kann sie sich noch so lange hinter ihrem Monitor verkriechen. Eine gefühlte halbe Ewigkeit später fängt sie an zu fragen.

Sie fragt, ob ich Gepäck dabei habe. – Ich verneine.

Ob ich einen Rückflug buchen möchte. – Ich verneine.

Ob ich mit jemandem zusammen reise.  – Ich verneine.

Ob ich mir das ganze auch wirklich gut überlegt habe.  – Auch das verneine ich.

»Kein Gepäck«, sage ich stolz. Sie lächelt mich freundlich an. Und dieses mal es ist ein warmes und aufmunterndes Lächeln. Es ist ein schönes Lächeln. Und es ist ihr erstes aufrichtiges Lächeln seit Tagen. »Kein Gepäck«, antwortet sie bestätigend und nickt dabei.

Als wisse sie, dass damit nicht die Koffer gemeint sind.

 – – –

»Losgehen. Ankommen. Wegwollen. Stehenbleiben. Innehalten. Durchatmen. Wegrennen. Aufbrechen. Enteilen. Abreisen. Fortfahren. Zur Ruhe kommen. Und das alles auf einmal.«

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