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Ich wünschte, ich könnte weinen.

(Die Vorgabe: Einen Text, der die Worte „Ich glaube nicht, dass ich das will, aber ich denke, ich nehm das. Weil es besser ist, als gar kein Gefühl“ beinhaltet. Bitteschön! Und den Ursprung des ganzen findet ihr in diesem wunderschönen Blog!)

Ich wünschte, ich könnte weinen. Weinen und schreien, schreien und weinen. Mit den Händen auf den nackten Boden schlagend, so doll, dass mir der Rotz aus der Nase läuft, die Tränen über beide Wangen kleine Rinnsale bilden, um sich unterm Kinn wieder vereint in die Tiefe zu stürzen. So heillos, dass die Welt in einem Umhang aus Schmerz verschwimmt.

Ich wünschte, ich könnte weinen, dass mir die Luft wegbleibt, die Augen zu einem roten, verquollenen Haufen Elend zusammen sinken und für den Bruchteil einer Sekunde die Welt aus den Fugen zu geraten scheint.
Ich wünschte, ich könnte all das, was sich in meinem Herzen als Gepäck angesammelt hat in einem unaufhörlichen Meer aus Tränen und Verzweiflung aus meiner Seele waschen, so lange bis mein Körper vor Erschöpfung zusammensinkt und ich vor lauter Kraftlosigkeit nur noch zittert am Boden liegen kann.
Aber ich kann nicht. Ich nehme nur auf. Meine Umwelt, meine Erfahrungen. Und ich verarbeite. Solange bis ich schließlich zu einem Resultat komme. Es ist eine geordnete, dosierte Trauer. Eine sich auf die Seele legende, alles bedeckende Trauer, die dir die Kraft nimmt, je länger sie dich begleitet.
Es ist nicht die emotionale Trauer, die dich packt und dich auf den Boden schmeisst, so stark, dass du keine Kraft mehr hast, den Kopf nach oben zu richten oder aufzustehen. So stark, dass deine Schultern sich nicht einmal einen Zentimeter bewegen können. Es ist nicht jene Trauer, die man früher einmal kannte, die sich nicht  von Alkohol beeindrucken lässt, die sich nicht durch Nachdenken zu bändigen weiß. Es ist nicht diese Trauer, die nur die Zeit und jede Menge heißer Tränen aus deinem Herz spülen kann.
Es ist eine gesellschaftlich anerkannte, weil depressive Trauer. Es ist eine Trauer, die auf einem Rezeptblock daher kommt, dir freundlich lachend Ideale, die keine sind, unter die Nase reibt, wohl versteckt von der Allgemeinheit und doch allgegenwärtig. Aber ich will sie nicht. Ich stoße sie weg und schreie ihr hinter her, sie solle sich zum Teufel scheren. Ich schreie so lange, ich schreie so laut, bis ich merke, dort kommt sie gerade her…
Abends liege ich noch lange wach, weil meine Gedanken wieder Sackhüpfen veranstalten, ich wurde nicht gefragt, ich hätte es auch verboten, hätte gesagt, es ist Schlafenszeit und für Gedanken sei am morgigen Tag noch genug Zeit. Aber meine Gedanken fragen mich nicht, wenn sie eine Party zu feiern gedenken.
Ich habe mich mit ihnen abgefunden, meine Gedanken gehören zu mir und ich lasse sie gewähren, sollen sie doch durch meinem Kopf spuken wie kleine Gespenster und mit den Ketten rasseln, ich höre mir ihre Vorschläge an.
Ob ich das wirklich wolle, fragen sie. Unglücklich sein? Ich grübele, ich weiß es nicht, darüber habe ich mir noch nie nachgedacht.
Unglück ist wie ein See. Bist du einmal darin, umgibt es dich vollständig und wenn du dich nicht bewegst, versinkst du immer tiefer, bis zu dem Zeitpunkt, an dem du darin zu ertrinken drohst. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem dich kein Strohhalm mehr an die Oberfläche bringen kann. Aber man lernt auch zu schwimmen. Ich habe es zumindest gelernt. Und dann – irgendwann gehst du wieder an Land, legst dich in die Sonne und blickst auf die Wogen.
Von Zeit zu Zeit gehst du schwimmen, nicht weil du Bock auf Wasser hast, nicht weil du es genießt, wie die Moleküle in weichen und sich anschmiegenden Bewegungen um deinen Körper bewegen, sondern weil es eben so ist in diesem Leben.
Also, nein, ich will nicht unglücklich sein. Oder vielleicht will ich es doch. Ich bin mir nicht sicher… Ich glaube nicht, dass ich das will, aber ich denke, ich nehm das. Weil es besser ist, als gar kein Gefühl.

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