Loading...
X

Eine Sehrkurzgeschichte in 3 Akten

Prolog

„Ein epischer Moment, Blut rinnt den Schrank herunter. Es ist beinahe unwirklich rot. Welch schöner Farbton.“ Stopp. Gedanken, konzentriert euch, Zeit für ein wenig mehr Fokus, auf die aktuelle Geschehnisse. „Die Sonne geht auf. Wie schön. Die frische Morgenluft fühlt sich gut an in den Lungen. Ist das wirklich ein Falke dort über den Dächern Hamburgs?“

1. Akt
Die Nacht war kurz. 2 Stunden genaugenommen. Verwirrende Träume durchzuckten blitzartig die nächtliche Stille. Kein Zusammenhang. Kein Sinn. Kein Sein. Nur Träume. So unwirklich, dass ich davon wach werde. Vögel zwitschern, ein wenig Stadtlärm am Ende des Horizonts. Mit einem Ruck befördere ich meinen Körper aus dem Bett. Mein Kopf bleibt erstmal liegen. Schnell unter die Dusche torkeln, Lebensgeister beschwören – erfolglos. Einen Gedanken habe ich mitgenommen. Kaffee! Schnell! Der Kopf liegt noch immer im warmen Bett.
Kaffee ist alle! Für einen kurzen Moment machen sich Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung breit, aber die Müdigkeit lässt keine Emotionen zu, steht einfach da, verschränkt die Arme und schüttelt mit dem Kopf. Braves Mädchen. 2. Gedanke: Nahrung. Das Messer zur Hand, frisch geschärft, was sowieso nichts bringt, aber ein gutes Gefühl vermittelt. Es gleitet durch das Brötchen wie Butter.

2. Akt
Ich habe mich fast geschnitten, aber es ging noch mal so eben gut. Ein paar Handgriffe hier, ein paar Handgriffe da, Wasser aufsetzen. Das übliche morgendliche Ritual. ZACK! Die Gedanken sind auf einmal hellwach, die Pumpe springt an, der Organismus läuft auf Hochtouren. Als würde man von Florian Silbereisen mit einem Ständchen geweckt werden. Adrenalin. Her damit, ich nehme die ganze Packung. Ja, alles auf einmal. Hallo Wach, da bist du ja.
Woher also kommt die rote Farbe. Welch schöner Farbton. Beinahe unwirklich. Moment – Fokus.
Erkenntnis 1: Messerschärfen bringt etwas.
Erkenntnis 2: Das hätte dir auch früher auffallen können.

Blut. Sogar meines. Ein einschneidendes Erlebnis. „Sauberer Schnitt, Alter“ denke ich anerkennend. Und tief. Wie kann daraus soviel Blut kommen, ist doch nur ein Finger. Wenn da mal nicht Doping im Spiel ist. Mein Geist ist jetzt auf dem Posten. Analysiert, interpretiert und präsentiert erste Lösungsansätze:
„Kaffee?“ – Später. „Verbandzeug?“ – Von der Grundidee her gut, aber nicht vorhanden. „Pflaster“ – schon gar nicht, die haben es sich auf der Einkaufsliste bequem gemacht. So wird das nichts. „Was hätte MacGyver jetzt getan?“ Mit einem Kugelschreiber, einer Büroklammer und einem Kaugummi den Iran zerschlagen. Keine Hilfe. Wie immer.

3. Akt
Also improvisiere ich. Haushaltsrolle und Gaffa-Tape – das Heftpflaster des Mannes. Hält! Wahrscheinlich sogar einem nuklearen Erstschlag.
Es ist jetzt 6 Uhr morgens, ich hätte jetzt wirklich gerne einen Kaffee, stattdessen bin ich todmüde und hellwach zugleich, muss feststellen, dass ich immer noch irgendwie betrunken bin, dass Adrenalin ne geile Sau ist und mir der passende Soundtrack für diesen Tag fehlt. Der Tag ist gelaufen, ich habe nicht vor, hinterher zu eilen. Also zurück ins Bett. Meine beiden letzten Gedanken sind, rechtzeitig, bevor die Hand anfangen kann zu pochen und ich einschlafe:

1. der Abwasch fällt erstmal flach.
2. Der Appetit ist mir vergangen, glücklicherweise, das Brötchen ist schon 2 Tage alt. Hatte ich eh kein Bock drauf.

Kommentar hinterlassen

%d Bloggern gefällt das: