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Zahnbürste

Ihre Zahnbürste lag noch immer genauso dort auf dem Waschbecken wie sie sie gelassen hatte, als sie gegangen war. Als sie mit Tränen in den Augen wortlos gegangen war, weil keine Worte dieser Welt in diesem Moment auch nur hätten annähernd skizzieren können, was nicht einmal richtig in ihrem Herzen klar war. Also ging sie, sagte kein Wort, weinte nicht und richtete kein Blick zurück an jenen Morgen, an dem sie ihre Zahnbürste links neben der Armatur liegen gelassen hatte.Schon an jenem Tag wusste er, dass sich etwas verändert hatte, dass etwas nicht mehr so war, wie es hätte sein sollen. Er spürte es an ihrer Art, ihrer Nähe, sah es in ihren Augen, spürte es an ihren Berührungen. An diesem Morgen war die Zahnbürste noch ein Letztes mal nass gewesen und lag mit den Borsten nach oben. Er dreht sie um. Er traute sich nicht, sie weg zu räumen, als würde es dadurch endgültig, was längst Realität war. Auch nach all den Wochen nicht.

Sie war nicht mehr als ein Symbol, nicht mehr als eine Erinnerung und doch lag sie noch immer auf der rechten Seite neben dem Wasserhahn auf dem Waschbecken.

Immer, nachdem er das Badezimmers gereinigt hatte, nahm er sie und legte sie wieder an ihren Platz zurück, die Borsten nach unten, links neben dem Wasserhahn. Morgens schaute er manchmal, gerade so, damit es niemand sehen konnte, verstohlen zu ihr, nur um zu sehen, ob sie noch immer dort lag. Er schaute aus dem Augenwinkel, damit niemand erahnte, was er da tat. Aber es machte ohnehin keinen Unterschied mehr. Es war niemand mehr da außer ihm. Sie war weg. Hatte ihre Zahnbürste da gelassen und war gegangen. Die Blume, die sie ihm einmal geschenkt hatte, hatte sich schon längst in seinen Händen in Staub aufgelöst. Es blieb nur die Zahnbürste.

Er wusste, dass es verrückt war. Aber war es nicht ebenso verrückt, jemanden so zu lieben, wie er es nun mal tat? War es nicht ebenso verrückt, sich jemanden so ausgeliefert zu fühlen, wie es bei ihr der Fall war? Ist die Liebe nicht per Definition schon verrückt? Wahrscheinlich, also bewahrte er sich seinen kleinen Spleen.

Es gibt verschiedene Arten von Menschen. Und es gibt verschiedene Beziehungen, die Menschen untereinander pflegen. Es gibt Menschen, die treffen sich in Zweckbeziehungen. Manche brauchen nur eine starke Begleitung für ein Teil des Weges. Es gibt Abhängigkeiten zwischen Menschen, es gibt Menschen, die einander nur besitzen wollen. Es gibt mehr Menschen auf der Welt, als sich ein einzelner vorstellen kann und es gibt noch exponentiell mehr verschiedene Arten von Beziehungen zwischen ihnen.

Zwischen ihr und ihm war es von Anfang an anders gewesen. Von der ersten Begegnung war es unausweichlich, dass sie sich kennenlernen würden. Vielleicht weil sie auf eine seltsame Art so unterschiedlich und gleichzeitig so gleich waren, wie es nicht hätte krasser sein können. Vielleicht weil er in ihrer Nähe er sein konnte und sie in seiner Nähe sie. Vielleicht war es nur die falsche Zeit und der falsche Ort. Er wusste es. Tief in seinen Eingeweiden wusste er es. Er konnte es mit jeder Faser seines Körpers spüren. Er wusste nicht wo oder was oder warum, aber er wusste da war etwas, irgendetwas, was den ganzen Schmerz und das ganze Leid, was über ihn hereingebrochen war, rechtfertigen würde.

Also ertrug er seinen Schmerz, ging ins Badezimmer zum Waschbecken und streckte seine Hand aus und hob die Zahnbürste mit den blauen Borsten in die Luft. Er blinzelte und schaute sie einen Moment lang an. Dann ließ er die Zahnbürste links neben der chromfarbenen Armatur auf dem Waschbecken liegen und wartete.

Wartete, dass sie zurück kam.

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