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Die Wiederentdeckung der Handschrift

Ich sitze an der Elbe, ein winziges gerade einmal 159-Seiten-umfassendes Taschenbuch dient mir als Schreibunterlage und der Wind peitscht teilweise doch recht eisige Böhen um meinen optimistisch textilarm bekleideten Körper.

Soviel zu meiner Verteidigung. Nicht, dass ich mich verteidigen müsste, wer schreibt heutzutage überhaupt noch Briefe, den man nicht direkt als politisch suspekt, sozial vereinsamt oder emotional gebrandmarkt bezeichnen will. Also bitteschön: Schublade auf, Briefeschreiber rein, Schublade zu. Vor ein paar Tagen habe ich es dennoch gewagt, einen Brief zu schreiben. Mit der Hand! Ja, ich gehöre noch zu jener Generation, die Briefe bekommen und geschrieben haben. Ich besitze Unmengen von Briefen. Kistenweise. Selbst wenn ich mich nicht traue, sie heraus zu holen, um zu erforschen, welcher Wahnsinn mich geritten hatte und welcher Dämon damals meine Handschrift lenkte.

Wie dem auch sei. Locker einen Brief zu schreiben, sollte sich kurzerhand als durchaus ambitioniertes Projekt herausstellen. Ebenso hätte ich mir vornehmen können, ein Auto zu reparieren, deutsche Krimis spannend zu finden, zum Mond zu fliegen oder die europäische Finanzpolitik zu verstehen. Nicht, dass ich das nicht versucht hätte.

Das Briefpapier (Hindernis Nummer eins).

Ich habe keins. Direkt spiele ich mit dem Gedanken auf einer Rolle Klopapier mein Werk zu beginnen, sogar dem guten (nach Lavendel duftenden) 3-lagigen. Stets eine frische Brise in der Nase wäre mir beim Schreiben gewiss gewesen. Immerhin. Das Klopapier, als Quasi-Mutter aller selbst erfüllenden Prophezeiungen, eignet sich zum Briefe verfassen dennoch nur minderoptimal, da es einerseits leicht vom Winde verweht wird, die orkanähnlichen Windverhältnisse habe ich eingangs bereits erwähnt, und andererseits unterm Strich wohl doch nur Scheiße darauf haften bleibt. Zumal es wirklich nicht viele Regeln fürs Briefe schreiben gibt, die man beherzigen sollte, aber sollte es ein ungeschriebenes Gesetz geben, dann, dass Liebesbriefe nicht auf Klopapier verfasst werden. Außer in Zeiten der Not(durft).

Ich folge meiner Argumentation. Obwohl ich tatsächlich schon einmal einen Brief auf einer Rolle Klopapier verfasst habe. Ich ziehe also aus dem Stapel seelenlos uniformierter Papier-Massenware meines Drucker einen Zettel. Direkt zur Strafe meiner Vorbehalte gegenüber industriell gefertigter Massenartikel blickt mich das wohl-gebleichte, chemisch einwandfrei aufbereitete Papier böse an, um mir mit jeder Faser seines DIN-genormten Zellstoffverbundes zu verstehen zu geben: „Sieh her, wie makellos ich bin.“ Erstmal direkt ein Eselsohr reinfriemeln. So. Emotional nicht die beste Grundlage für einen Brief – aber immerhin, man kann darauf schreiben. Denke ich, rein physikalisch.

Halten wir das einmal fest: Man kann darauf schreiben. Punkt.

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Der Stift (Hindernis Nummer zwei).

Auch den habe ich nicht. Ich weiß nicht, wann ich das letzte mal Zuhause einen Stift benutzt habe, wahrscheinlich Weihnachten, als ich einen Namen auf irgendein Geschenk kritzeln wollte. Da ich keine Einkaufslisten schreibe, die ich sowieso irgendwo vergesse und sei es nur diese während des Einkauf aus meiner Tasche zu klauben, wird es wohl Weihnachten gewesen sein. Ich glaube, die meisten Stifte, die ich besitze, stammen noch aus meiner Schulzeit. Also einer Zeit, in der das Internet ausschließlich aus Pornos bestand, die man sich nicht anschauen konnte, weil die nötige Bandbreite erst Jahre später erfunden werden würde und  sich bereits der Versuch ein Bild von Pamela Andersen herunterzuladen in einer halbstündigen Orgie wilden Modem-Gesurres erschöpfte. Die Welt des Internets bestand quasi nur aus Bildern von Pamela Andersen. Meine Welt zumindest. Ich sage ja, das ist lange her. Also aus einer Zeit, in der man Windows 3.1.1 doch tatsächlich als Betriebssystem bezeichnete. Welch Optimismus.

Kurzum: Einen funktionstüchtigen Stift zu erhaschen, sollte sich schnell als zeitraubendes Try-and-Error-Unterfangen herausstellen. Schlussendlich kaufte ich einfach einen neuen Stift. Einen Kugelschreiber, welcher sich mittlerweile wie der heilige Gral der Büroutensilien über meinen armseligen Besitzstand zeitgenössischer Schreibwaren erhebt und dementsprechend gehütet wird. Ich glaube, jeder Gralswächter sollte einen Kugelschreiber haben. Beinahe hätte ich einen Füllfederhalter gekauft. Glücklicherweise hinderte mich die geistesgegenwärtige Verkäuferin an diesen Fauxpas und unterdrückte diese Überambitionierung mit dem vorausschauenden Hinweis, dass Tinte verschmieren könne. Für mich als Linkshänder ein lebensrettendes Argument.

Als ich endlich soweit bin, die erste Zeile aufs Papier zu zaubern, weiß ich schon nicht mehr, wie ich anfangen wollte. Oder was ich eigentlich schreiben wollte. Oder an wen. Zudem frage ich mich, warum ich nicht direkt ein wenig Briefpapier mit kaufte. Egal, jetzt zählt es.

Ein unliniertes Blatt Papier (Hindernis Nummer drei).

Das ist der Endgegner des Briefeschreibers, wenn man auf gerade (horizontal betrachtet) geschriebene Zeilen steht, so wie ich es tue. Die ersten Versuche scheitern also kläglich bereits daran, dass ich es nicht zustande bringe, ein paar Zeilen zu erschaffen, die sich nicht ihren Weg wie von Geisterhand gesteuert von linksoben nach rechtsunten suchen. Gerade so, als verfüge das Papier über eine eigene Schwerkraftquelle im Bereich der unteren Ecken. Nach einigen unschuldigen Versuchen, aber wer zählt diese schon (zweiundzwanzig), kann ich mich endlich mit dem Resultat anfreunden, auch weil sich in meiner Hand bereits Ermüdungserscheinungen kundtun, die sich in ersten zaghaften Krämpfen des Unterarms äußern.

Die Anfangs noch elfengleiche, von einer filigranen Anmut gesegnete Schrift, weicht mehr und mehr einer durch reine Willenskraft ins Papier gepresste Ansammlung kryptischer Schriftzeichen, welche man locker an den Wänden einer ägyptischen Pyramide hätte wieder finden können. Schwer gezeichnet durch eine überbeanspruchte Arm- & Handmuskulatur, erheblichen Ermüdungserscheinungen in den vorderen Hirnregionen, sowie ersten, leichten Halluzinationen, muss ich eine längere Regenerationsphase einlegen. Insgeheim beginne ich mich bereits nach zwei Zeilen nach der automatischen Rechtschreibprüfung zu sehnen. Jene einst so verhasste Rechtschreibprüfung. Euphorisch schlage ich anfangs das eine oder andere Wort noch nach.

Aber: Rechtschreibfehler gehören nun mal dazu und versüßen jedes Schriftbild mit ihrer anmutenden Unvollkommenheit. Schließlich bin ich nicht mehr in der Schule, auch wenn ich meine alte Klassenlehrerin vor dem geistigen Auge bereits drohend und hämisch lächelnd den Rotstift schwenken sehe. Egal.

Elektronische Hilfsmittel (Hindernis Nummer vier).

Schlimmer ist noch, dass Google als Hilfsmittel ausfällt. Kein schnelles Nachschlagen der richtigen Schreibweise, kein rasches Suchen eines Synonyms, kein beiläufiges Prüfen der aktuellen Faktenlage. Erstaunlicherweise kann ich stundenlang am Computer vollkommen ermüdungsfrei arbeiten, während ich auf drei Bildschirm guckend, 23 Tabs, 12 Fenster und 4 Desktops manage, aber bereits nach zehn Minuten Briefe-schreiben tut mir mein Arsch, der Rücken und noch viele andere Körperteile weh, die zum Schreiben nun wirklich mal so gar nicht gebraucht werden. Schlimm ist ebenfalls, dass ich nichts löschen kann, sauber durchstreichen allenfalls, aber eben nicht löschen, als habe es nie existiert. Die Streber benutzten ja Tipp-Ex. Keine Ahnung warum, aber Tipp-Ex-User jagten mir bereits früher einen eisigen Schauer über den Rücken. Da kann man sich auch gleich eine abgesägte Schrottflinte kaufen, um jeden eine Ladung Blei auf den Pelz zu brennen, der sein Laub nicht säuberlich, nach Farbton und Fallvektor in Haufen getrennt, zusammen fegt.

Tipp Ex? Daran ist bei mir natürlich nicht zu denken. Bei mir, der bis vor Kurzem nicht einmal einen funktionstüchtigen Stift sein Eigen nannte.

Allen Widrigkeiten zum Trotz habe ich den Brief fertig geschrieben. Ich fühle mich als emotionaler Sieger über die Technik, die Feder ist doch mächtiger als die, äh, Tastatur. Inhaltlich muss ich unglücklicherweise ein paar Abstriche machen und den Brief wegschmeißen. War ich doch so sehr mit Form und Ausdruck, Schriftbild und Erscheinung beschäftigt, dass der Inhalt schier unheimlich zu einem zusammenhanglosen Kauderwelsch verschmolz, von dem die Hälfte ohnehin kaum lesbar war. Aber: Wenigstens moralisch erhebe ich mich!

Fazit: Ich habe dann doch eine Email geschrieben – nur um sicher zu gehen, dass ich das noch kann.

Trotzdem. Briefe schreiben rockt. Allen Widrigkeiten zum Trotz. Oder besser, gerade deswegen. Wir sollten das viel häufiger tun. Eigentlich immer.

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