Loading...
X

Das Schwerste ist der Anfang

Der Anfang ist immer das Schwerste. Ich starre auf den blickenden Kursor, der über den leeren Zeilen auf dem Bildschirm thront und mir fallen die vorher so sauber und gründlich zu recht gelegten Worte partout nicht mehr ein. Fragmente und Halbsätze schwirren durch meinen Kopf, aber wie sehr ich mich auch anstrenge und konzentriere, so sehr ich es auch möchte, kein logisches Ganzes ist gewillt, sich aus den Einzelteilen zu erheben. Obwohl ich diese Worte den ganzen Tag in meinem Kopf habe, obwohl sie jedes Mal beim Einschlafen durch die Windungen meines Gehirnes spuken. Phrasen, Floskeln, Sätze, die immer und immer wieder vor meinem geistigen Auge aufblitzen und mir die Nachtstunden rauben. Nicht, dass da viel zu rauben wäre.

Aber so sehr ich mich auch mühe sie zusammenzufügen, so sehr entrinnen sie mir, wie feiner Sand gleiten sie durch meine Hände, ohne dass ich sie fassen könnte, um dann nichts als ein wortloses Seufzen auf der Tastatur zu hinterlassen.

Vielleicht fange ich damit an, dass ich dich vermisse. Dass du mir fehlst. Oder zumindest eine Erinnerung von dir, die ich schon lange nicht mehr entdecke. Mit jedem Tag, der vergeht,  bleicht sie mehr aus, verliert an Farbe und Kontor, bis sie kaum noch greifbar ist, um irgendwann zu einer Schemengestalt verblasst zu sein, einer Ahnung dessen, was war, hätte sein können aber nicht mehr Realität werden sollte. Und doch bleibt sie das einzige, was mich an uns festhalten lässt.

Vielleicht fange ich damit an, dass ich nicht glücklich bin. Schlimmer noch, dass ich unglücklich bin. Das Schlimmste dabei: ich bin selbst schuld. Weil ich mich an eine Vorstellung klammere, die nicht mehr existiert. Weil ich mich an einer Erinnerung festhalte, mit der leeren Hoffnung, ihr nochmals Leben einzuhauchen. Ich bin selbst schuld, weil ich ein Mensch bin und nicht wahrhaben will, was lange Realität ist, obwohl ich es doch schon lange weiß. So habe ich das Unglück in Kauf genommen und mein Selbst in Geiselhaft.

Ich will für dich da sein, dass Gefühl haben, dass du mich brauchst – hin und wieder zumindest. Ich hätte gerne das Gefühl, dass wir diese Veränderung, dieses Stück des Weges, gemeinsam beschreiten. Gemeinsam die erste Euphorie erleben und die erste Enttäuschung. Auf diesem neuen und unbekanntem Weg.

Ich möchte mit dir Lachen, wenn das Leben gütig ist und weinen, wenn es dies nicht ist.

Ich möchte dich auffangen, wenn es dir ein Bein stellt.

Und ich möchte mit dir schweigen, wenn es dich sprachlos macht.

Normalerweise heißt es, man habe es nicht kommen sehen. Dass man sich nicht daran erinnern könne, wann die Liebe allein nicht mehr ausreichte. Dieser Prozess der Entfremdung, bei welchem man trotz aller Zuneigung mit jedem Tag mehr auseinander treibt, bis zu dem Zeitpunkt, bei dem man an gegenüberliegenden Ufern steht und sich nicht einmal mehr die Hand reichen kann. Es heißt, man habe sich einfach auseinandergelebt. Aber wann? Das bleibt vorborgen.

Ich kann mich noch an den Zeitpunkt erinnern.

Wenn ich dich küsse, ist es noch wie am ersten Tag, gerade so als hätten wir uns erst gestern kennengelernt. Dann steht die Welt still und dreht sich mit rasender Geschwindigkeit und das alles in nur einem Moment. Wenn wir uns küssen, ist alles so, wie es sein sollte. Und noch besser. In einem Film würde ein Feuerwerk den sternenklaren Nachthimmel erhellen, während die Musik zu einem nie enden wollenden, euphonischen Finale anschwellen würde.

Aber wir können uns ja nicht die ganze Zeit küssen.

Ich weiß nicht mehr, wann wir uns kennen gelernt haben, aber ich erinnere mich an den Moment. Ich kann mich beim besten Willen nicht daran erinnern, in welchem Jahr es war. Aber dieser Moment, in dem ich dir das erste mal „Hallo“ sagte, bleibt so groß und allgegenwärtig, als sei er gestern gewesen. Fragt mich jemand, was ich letzte Woche gemacht habe oder letzten Monat, habe ich keine Erinnerung daran. Ich weiß meistens kaum noch, was ich vor zwei Tagen getan habe. Aber ich erinnere mich noch genau an das, was ich dachte, als ich dich das erste mal sah. Wort für Wort für Wort.

Auf unserem Lebensweg sehen wir uns manchmal mit Veränderungen konfrontiert. Einige davon sind kleiner und andere sind größer. Nicht immer erkennen wir sofort mit welcher Art wir es grad zu tun haben. Vielleicht waren wir auf die Wucht der Veränderungen nicht vorbereitet, obwohl sie geplant und gewollt war. Vielleicht hat sie uns einfach umgehauen, wie eine Welle ein Kind von den Beinen fegt, wenn es zu euphorisch und zu unvorsichtig ihr entgegen eilt. Vielleicht hätten wir uns besser vorbereiten sollen, vielleicht sind wir zu blauäugig, zu naiv gewesen. Bis eines das andere ergab und von einem „Wir“ nur zwei „Ichs“ übrig blieben. Vielleicht. Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass ich das so nicht mehr möchte. Dass ich das so nicht mehr kann. Ich möchte nicht mehr unglücklich sein.

Weißt du, es bleibt nur die Gegenwart um glücklich zu sein. Nicht die Zukunft, nicht die Vergangenheit. Nur die Gegenwart.

Also blinzel ich in die Sonne, spüre die Wärme und Kraft, spüre das Licht auf meiner Haut. Und während die Bäume sich bunt färben und erstes Laub zu Boden weht, habe ich deinen Duft in der Nase und mir läuft eine letzte Träne über die Wange, hinterlässt eine brennende Spur aus nasser Trauer, um dabei im Sonnenlicht zu funkeln. Ich weiß nicht, ob diese Zeilen ein Abschied sind. Oder eine Liebeserklärung. Wohl etwas aus beidem. Also gehe ich. Solange ich noch kann. Solange ich dafür noch die Kraft habe.

Und nein. Nicht der Anfang ist immer das Schwerste. Es ist das Ende.

Kommentar hinterlassen

%d Bloggern gefällt das: