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Aufbruch

Es ist nur eine Zahl. Gut, sie ist rot, eine rote Zahl, aber nur eine Zahl. Sie verweilt unscheinbar unten am Dock und chillt, als wolle sie mir sagen, ‚Beachte mich gar nicht. Ich bin gar nicht da‘. Das ist freilich etwa so, als würde man Lothar Matthäus in die Playboy-Villa einladen und hoffen, dass er nichts Dummes sagt. Unmöglich. Es ist keine besondere Zahl, nicht zu hoch, nicht zu tief, keine Primzahl oder Quadratwurzel eines epochalen Ereignisses des Maya-Kalenders. Es ist nur eine Zahl von Unzähligen. Sie lautet 274.

274 Emails will mir diese Zahl sagen. 274 ungelesene Emails. Es ist sechs Uhr morgens, der Kaffee ist schon lange leer, ich öffne die erste elektronische Botschaft und versuche zu lesen. Bereits nach den ersten Zeilen beginnen die Buchstaben zu verschwimmen und tanzen zurückhaltend und doch rhythmisch über den Bildschirm. Noch bevor ich den ersten Absatz geschafft habe, sitze ich bereits am Meer, meine nackten Füße tief im Sand vergraben, der zwischen meine Zehen hindurch rinnt und mir einen wohligen Schauer über den Rücken fahren lässt. Meine Sehnsucht fällt in sich zusammen wie ein Kartenhaus und alles, was für einen Moment bleibt, ist das Rauschen des Meeres. Das Leben schmeckt salzig und genau so muss es auch schmecken. Ich fühle mich befreit, keine Ahnung wovon. Aber es ist auch egal. Wichtig ist nur eins: Das Leben schmeckt salzig. Noch 273 ungelesene Emails…

Auf dem Weg zur Arbeit halte ich beim Bäcker an, höre bereits beim Eintreten die glockenklare Stimme der Verkäuferin. „Wie immer?“, schleudert sie mir reflexartig entgegen, während sie mit beiden Armen bis zu den Ellenbogen tief im Tresen vergraben ist und mit deutscher Gründlichkeit die Teiglinge nach einer sich mir nicht erschließen wollender Logik sortiert. „Wie immer“ gurgel ich wortlos zurück. Keine tageszeitlich falsch platzierte Höflichkeit, kein „Tach auch, wie geht’s“, kein Smalltalk. Man kennt sich. Ich klammer mich an den heißen Kaffeebecher wie ein Blinder an seinen Stock und kann es kaum erwarten, das erste flüssige Gold viel zu schnell und viel zu heiß meine Kehle herunter gleiten zu lassen. Jeden Morgen das gleiche Ritual. Die gleichen roten Ampeln, die gleichen Leute, die ihren Hund Gassi führen und dabei eine erstaunliche Ähnlichkeit zu ihrem Pendant aufgebaut haben, die gleichen Gerüche. An einer Ecke riecht es nach Pisse, an einer anderen nach Backwaren und manchmal nach nach Beidem. Überhaupt, was gibt es eigentlich für seltsam anmutende Hunde auf dieser Welt? Ich bin drauf und dran zu diversen Hundebesitzern zu gehen, auf den Hund zu blicken, wieder hochzuschauen, sie mit meinen Augen zu fokussieren und ein anklagendes „Ernsthaft?“ hervor zu pressen. Ich glaube wirklich, manch Hund fristet sein Leben in einer Handtasche und hat noch nie Sand unter seinen Pfoten gespürt.

Der Kaffee ist noch nicht ganz ausgetrunken, da vibriert bereits das Smartphone. Ein nach Aufmerksamkeit schmachtendes Geräusch, welches leise stöhnt „Lies mich! Lies mich!“ 274. 275. 276. Das Geräusch, welches ein Smartphone macht, wenn man eine Email erhält, soll beim Menschen ein Glücksgefühl hervorrufen. Es setzt die selben Botenstoffe im Gehirn frei, wie es bei Belohnungen passiert. Es ist, als konditioniert man einen Hund mit einer Pfeife. Nur dass die Pfeife von einem findigen Sounddesigner erschaffen wurde und der Hund ein Mensch ist. Vielleicht liegt es an der frühen Stunde, vielleicht bin ich auch einfach nur immun gegen Konditionierung, aber ein Glücksgefühl will sich bei mir partout nicht einstellen. Nicht einmal ein kleines. Bling. Hach. Stöhn. Nummer 277.

Das Doofe am Alltag ist, egal wie spannend er auch ist, egal wie aufregend und abwechslungsreich er sein mag, er wiederholt sich. Deswegen heißt er wohl auch Alltag. Also lese ich die selben Emails, führe die selben Telefonate und erfreue mich an den selben Dingen wie jeden Tag. Glücklicherweise stellt sich bei den meisten Menschen im Alltag etwas ein, was sie zu Robotern werden lässt, was sie 12 Stunden am Laufband in der Fabrik arbeiten lässt oder 14 Stunden im Büro. Routine. Sei geküsst.

Irgendwann, meistens spät in der Nacht, sitze ich zu Hause auf dem Bett und starre aus dem offenen Fenster. Nicht, dass es etwas zu starren gebe. Die Häuser mit ihren glänzenden Fassaden, die Straße mit ihren abgewetzten Kantsteinen, die flackernde Laterne an der Ecke, der seltsame Gemüsehöker, der im Hinterzimmer bestimmt ein Meth-Labor betreibt, die kahlen Bäume mit ihren mächtigen Kronen. Alles das selbe, tagein und tagaus. Ich starre Luftschlösser ins Nichts. Die Welt da draußen nehme ich schon lange nicht mehr wahr, bemerke nicht, wie mein Atem nur wenige Zentimeter vor meinem Mund kondensiert und der Regen eingesetzt hatte. Ich höre nicht das rhythmische Pochen der Tropfen und nehme nicht wahr, wie ich beginne zu frösteln. Ich blicke nur auf die Stadt, jenen winzigen Ausschnitt dieser Stadt, die sich aus meinen Fenster mir zu Füßen legt. Ich blicke ins Dunkel,weil auch nachts der Puls der Stadt nicht stehen bleibt und unaufhörlich Blut durch die Adern der Großstadt pumpt. Wieder und immer wieder.

Ich springe auf und mache mir nicht einmal die Mühe, das Fenster zu schließen oder das Licht zu löschen. In einer fließenden Bewegung drehe ich mich um, eile begleitet vom Hall meiner eigenen Schritte die Stufen im Treppenhaus hinunter, fahre zum Flughafen und setze mich in den nächsten Flieger. Das Ziel ist egal, Hauptsache weg. Weg ins Licht. Ich komme nicht wieder.

Einfach so.

Kein Wort des Abschieds, keine Erklärungen, kein Zurückschauen. Ich rufe niemanden an, außer das Taxiunternehmen, damit es mich zum Flughafen bringt. Vielleicht schreibe ich eine Karte, wenn ich angekommen bin, die ich an mein Leben schicke, damit es weiß, dass es mir gut geht, damit es sich keine Sorgen um mich macht. Damit es, mein Leben, erkennt, dass der Alltag nichts für mich ist und wir nun getrennte Wege gehen müssen. Damit es nicht harrt und hofft und auf mich wartet. Eine Karte. Mit nur 2 Satzzeichen und nur 5 Worten.

„Ich bin weg. Für immer.“

Am Flughafen angekommen, nehme ich mein Handy, streichle es zärtlich mit der Innenseiten meiner Handfläche, verharre kurz und schmeiße es weg. Weg in den Mülleimer, weg aus meinem Leben, weg von mir. So weit weg von mir, wie ich nur kann. Unwiederbringlich und für immer.

Es ist nur ein kurzer Stich, wie von einer winzigen Nadel geführt, der mir ins Herz fährt und er dauert nur den Bruchteil einer Sekunde.

 

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