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Angekommen I

Da waren sie also. Angekommen. Irgendwo und doch nirgends. „Angekommen ist ein komisches Wort”, dachte er. Er mochte komische Worte. Es hatte einen gebrochenen Klang nach Endgültigkeit während es gleichzeitig wenig entschlossen anmutete. Er erinnerte sich gar nicht daran, wann er losgegangen war, an jenen Zeitpunkt, der seiner Reise als Ausgangspunkt dienen sollte. Vielleicht war es schon zu lange her, vielleicht hatte er ihn schlicht vergessen oder verdrängt. Vielleicht war er nie aufgebrochen. Wann genau eine Reise anfing, war mitunter nicht immer ein zu definierender Zeitpunkt, manchmal merkte man erst, dass man unterwegs war, wenn man schon einen guten Teil des Weges hinter sich gelassen hatte. Aber hin und wieder bildet man sich nur ein, unterwegs zu sein, während man eigentlich auf der Stelle tritt. Von innen heraus ist das nicht immer so genau zu sagen. Und doch wusste er, dass das für ihn nicht zutraf. Er war angekommen. Das erste mal seit Jahren war seine Reise vorbei. Es nahm ihn eine Last von den Schultern, erleichterte ihn. Und machte ihn zugleich traurig. Was bedeutete es schon “unterwegs sein”. War nicht das gesamte Leben eine Reise? Wieder kam ihm der Satz in den Sinn, der ihn die letzten Jahre verfolgte, der ihn nicht loslassen wollte und immer wieder ruhelos antrieb. “Niemand ist irgendwo angekommen, weil er stehengeblieben ist.” Er verhallte in seinem Kopf wie ein Echo aus einer anderen Zeit.

Mittlerweile stand sie hinter ihm. Ihre langen braunen Haare waren offen und fielen in Wellen über ihre Schultern. Er konnte es riechen. Lavendel und Kräuter, deren Namen er vorher noch nie gehört hatte, nicht mal aussprechen konnte und schon vergessen hatte, bevor ihr Hall verklungen war. Sie blickte ihn wortlos an. Nicht fordern. Nicht ärgerlich. Nicht erwartend. Er spürte ihren Blick wie Feuer in seinem Nacken, spürte, dass er etwas sagen sollte, spürte dass sie darauf wartete irgendetwas von ihm zu hören. Selbst wenn es nur hüllenlose Phrasen oder inhaltslose Floskeln waren.

Er suchte nach Worten. Nach kleinen, nach großen. Nach schönen und unschönen. Nach Formeln der Höflichkeit, selbst nach abgedroschenen Kalenderweisheiten, wie man sie in den Glückskeksen lesen konnte.. Nach irgendwas, was er zu einem Satz formen und aus seiner Kehle pressen konnte. Also klaubte er Worte vom Boden, kratzte sie aus den Ritzen, sammelte sie von den staubbedeckten Flächen und zimmerte sie zu einem wackligen Gerüst zusammen, welches noch in sich zusammensank, ehe es errichtet war.

So stand er am Fenster, schweigend, hoch über den Dächern der Stadt, der Blick gedankenschwer kaum mehr als ein flüchtiger Schweif eines Kometen und blickte auf das flackernde Aufleuchten der Scheinwerfer, die sich in Ferne und Dunkelheit verloren. Es hatte angefangen zu regnen, durch die dünnen Scheiben konnte er es riechen. Es roch nach Moos und feuchtem Laub. Regen beruhigte ihn, er hatte etwas ebenso Stupides, wie Lebenspendendes. Regen lies den Atem der Stadt, Lärm, welcher überwiegend aus dem Hupen der Autos, dem Schreien von Kindern und dem Einsatz schwerer Maschinen bestand, zu einer breiähnlichen Masse verschmilzen, die man hinter dem Schleier aus Tropfen, einem Symphoniekonzert aus Wassers, einem Stakkato der Natur, kaum noch wahrnahm und schnell ganz einfach vergaß.

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