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Kleine Dinge…

Ich erinnere mich nicht an den Zeitpunkt als die Suche begann. Als die Ruhelosigkeit in mir zum Leben erwachte, die Ungeduld mich packte und sich tausende kleiner Fragen in mein Bewusstsein bohrten. Ich weiß nicht mehr, ob damals die Sonne schien, ein Herbstwind wehte, es schneite oder schwere Wolken den bevorstehenden Regen ankündigten. Ich erinnere mich nicht an den Zeitpunkt, vielleicht weil er nie wirklich existierte, aber seither bin ich auf der Suche.

Schaue ich zurück, dann lache ich über mich selbst und ohrfeige mich. Rein provisorisch zweimal. Besser direkt dreimal.

Ich suche bereits seit einer halben Ewigkeit, solange, dass ich irgendwann einfach vergessen habe, wonach ich suche. Nach mir, dir, dem Sinn des Lebens. Vielleicht nicht in dieser Reihenfolge. Schaue ich aus dem Fenster, sehe eine Welt, die sich immer schneller dreht, eine Welt, die ich immer weniger verstehe – aber ich glaube, das beruht auf Gegenseitigkeit. Eine Hand wäscht eben die andere.

Manchmal stehe ich vor dem Spiegel und erkenne mich selbst nicht wieder. Das ist nicht die Person, die ich mir meinen Kinderträumen einmal in bunten Farben ausgemalt haben. Oder vielleicht ist es doch diese Person, aber die Welt ist mittlerweile eine andere? Vielleicht ist es weder die richtige Person, noch die richtige Welt? So starre ich in mein Antlitz, in die tiefen dunklen Augen, in diesen See aus Hoffnungen, Enttäuschungen, Erkenntnissen und Sehnsüchten. Ich kenne meine Augen. Ich habe sie bestimmt schon eine Million Mal angesehen und das nur in der vergangenen Woche. Ich kenne jedes Äderchen, jede Verfärbung, jede Nuance meiner Iris. Ich kenne jeden Braunton im Laufe des Tages, jeden Rotton im Laufe des Morgens und jeden Weißton im Laufe der Nacht. Ich kenne den den müden Blick am Morgen und den wachen Blick am Abend. Wie oft habe ich mir schon in die Augen geguckt und versucht dieses „Tor zur Seele“ zu finden. Meistens blicke ich in nachdenkliche Augen, von Zeit zu Zeit sogar in strahlende Augen, manchmal in leere, müde Augen und hin und wieder auch in fröhliche, neugierig funkelnde Augen.

Will ich auf mein Herz hören, merke ich erst, wie schwer es mit den Jahren geworden ist. Schwer von Dingen, die ich nur aus den Nachrichten kenne und auch schwer von Dingen, die ich erst mal stundenlang googlen muss, bevor ich überhaupt kapiere, um was es sich eigentlich handelt. Es ist schwer von Dingen, die ich noch gar nicht weiß und erst noch erfahren werde. Oder auch nie erfahren werde. Es ist schwer von Dingen, die ich tun soll und schwer von Dingen, die ich lassen soll. Es ist auch schwer von Dingen, die ich nicht einmal aussprechen kann, Dinge, die ich nicht aussprechen möchte und auch Dinge, die nicht ausgesprochenen werden wollen. Von ausgesprochenen Dingen und unausgesprochenen Dingen. Vor allem von den unausgesprochenen Dingen. Die wiegen am Schwersten.

Ich suche nach einem Lastenausgleich. Einer Formel, die mir den großen Zusammenhang zwischen alledem erklärt. Ich suche ihn in den Ritzen der Großstadt, in den Gesichtern von Kindern, in der Musik und der Kunst. Und hin und wieder im Alkohol.  Den Sinn des Lebens. Diese viele kleinen Fragen, die sich zur der einen großen Frage vereinen. Diese eine große Frage, die in unendlich viele kleine Fragen zerfällt. Es sind laute Fragen und leise Fragen. Es sind selbsterklärende Fragen und manchmal wahnsinnig komplizierte Fragen. Es sind rhetorische Fragen. Viele rhetorische Fragen, oh ja, fast ausschließlich rhetorische Fragen. Jeden Tag frage ich mich das. Andauernd. Immerzu. An jedem wachen Moment.

Vielleicht haben wir nur zu viel Zeit, uns Fragen zu stellen, vielleicht geht es uns zu gut, dass wir die elementaren Fragen vergessen haben und uns deswegen auf das nicht zu beantwortende stürzen wie ein Rudel Löwen auf ein verletztes Kalb. Vielleicht sind wir einfach nicht mehr hungrig und waren es nie. Und so frage ich mich, wohin die Reise geht und warum wir überhaupt reisen. Und auch ein wenig mit welcher wahnwitzigen Geschwindigkeit wir reisen.

Wir definieren, wo es nichts zu definieren gibt, suchen Erklärungen, wo keine Erklärungen sind und wir finden, wo es nichts zu Finden gibt. Wir schweigen, wenn wir etwas zu sagen haben und plappern, wenn wir schweigen sollten.

Und wir vergessen. Weil unser Kopf so voll ist. Weil unser Leben so schwer ist. Weil es das schwerste von allen Leben ist. Und überhaupt noch nie jemand in der Menschheitsgeschichte solch ein schweres Leben zu leben hatte. Wir vergessen, weil wir an so viele Dinge denken müssen. Weil wir noch soviel vor haben. Wir vergessen Geburtstage, Jahrestage, Bekannte, uns Zeit zu nehmen, stehen zu bleiben, inne zu halten, weiter zugehen. Wir vergessen manchmal auch unsere Freunde, unsere Familie. Wir vergessen, weil wir uns soviel merken müssen und nur noch am Gewichten von Informationen sind. Wir vergessen, weil es einfacher ist, als erinnern.

Und wir vergessen, weil immer mehr Informationen von einer immer kleiner werdenden Welt auf immer größer werdende Kommunikationswege zu uns drängen.

Wir rennen und rennen, um nichts zu verpassen. Dabei haben wir ein Smartphone in der Hand, damit wir auch jene Dinge mitbekommen, die dort passieren, von wo wir gerade weg rennen oder aber auch wo wir gerade sind. Wir rennen, um voran zu kommen oder um nicht stehen zu bleiben und manchmal rennen wir vor unserem eigenen Schatten weg. Selbst wenn wir stehen bleiben, tun wir das rennend. Und so zischen die Lichter an uns vorbei. Immer weiter. Immer schneller.

Aber eines Tages kann ich nicht mehr. Ich bin ausgebrannt und leer. Ich bin müde vom Rennen. Erschöpft vom Definieren. Dann stehe ich irgendwo, hole tief Luft und brülle mit der gesamten Inbrunst meines Körper, ich brülle mit jeder mir zur Verfügung stehenden Energiereserve und mit jedem Atemzug, der mir zur Verfügung steht. Und während ich wie ein Häufchen Elend zusammensacke und die Welt um mich herum in tiefe Dunkelheit fällt, aller Lärm verklingt und ich mit einem dumpfen Geräusch auf dem Boden aufpralle, wendet sich mein Blick Richtung Himmel.

Da ist kein Gott, keine helles Licht und keine Himmelpforte. Es führt keine Rolltreppe in die Erlösung, da ist kein Zeichen, welches mir den Weg weist. Nicht einmal ein Komet, der Mond oder wenigstens ein Satellit. Nur Dunkelheit. Alles verschlingende Dunkelheit. Und Kälte. Langsam öffne ich meine Augen, sehe meinen Atem von mir weg schweben, sehe eine weiße Fontäne, die sich wenige Zentimeter vor mir in Wohlgefallen auflöst. Und ich sehe den Himmel voller Sterne. Voller blinkender, kleiner Lichter, teilweise von Planeten, die schon Urzeiten nicht mehr existieren und noch immer ihr Licht zu uns schicken. Ich sehe Galaxien, die schon zu Staub zerfallen sind. Aber vor allem sehe ich Lichter. So viele Lichter und ein unvorstellbar großes Himmelszelt. Millionen heller Punkte in der kalten Dunkelheit.

Ich sehe Unendlichkeit und auf einmal spüre ich wie mein Herz wild anfängt zu schlagen, als wolle es die ganze Welt umarmen, diese Welt, die gerade stehen zu bleiben scheint. Ein Moment für die Ewigkeit. Und da weiß ich es plötzlich. Alles ist mir klar, ich wundere mich, dass ich das nicht schon immer wusste. Vielleicht wusste ich es und hatte es nur vergessen.

Es sind die kleinen Dinge.

Das Lachen eines Kindes. Die Umarmung eines geliebten Menschen. Oder eben auch nur ein Himmel voller Sterne. Vielleicht auch nur das Rascheln des Windes, ein vertrauter Duft oder nur eine Nachricht im Postfach. Eine Nacht am Strand, tanzen im Regen, barfuß auf einer Wiese laufen, die Füße in den Wellen, das Glucksen eines Babys, das erste Morgenlicht. Ein aufrichtiges Dankeschön, der erste Duft von Frühling in der Luft, ein Lagerfeuer in der Nacht, Schwarzbrot, Kaffee, das Zirpen von Grillen bevor die Dämmerung hereinbricht.

Ja, verdammt, es sind die kleinen Dinge.

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