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24. Juli

Den ganzen Tag trage ich schon dieses ungute Gefühl der Unruhe in mir herum. Als hätte sich etwas zwischen uns geändert und ich habe es einfach nicht mitbekommen. „Uns“ bedeutet dabei eher ‚du‘ und ‚ich‘. Denn wir haben uns noch nie gesehen. Wir kennen uns jetzt 10 Tage und haben uns noch nie gesehen.Seit 3 Stunden sitzt du im Zug nach Hamburg, weil wir uns einfach sehen mussten.

Je näher du kommt, desto mehr Zweifel kommen mir, desto größer wird das Unbehagen. Nicht, weil ich fürchte, ich könnte dich nicht mögen, dafür ist es nämlich schon zu spät, sondern weil ich eine panische Angst davor habe, ich könne dir nicht genügen. Es ist verrückt, wir kennen uns nicht, ich kenne mich selber nicht, aber die letzten 10 Tage waren die schönsten in meinem Leben. Du warst mir so nah und doch so fern, du warst der Anfang, der Höhepunkt und das Ende meines Tages. Du bist schon jetzt soviel mehr, als ich mir zu erträumen gewagt habe.

Ich bin ein Spinner. Verknalle mich in eine Frau, die ich nicht kenne, öffne mich wie seit langem nicht mehr und sehe schon jetzt mein Herz brechen. In tausend kleine Einzelteile. Es wird Jahre dauern, diese wieder zusammen zu fügen. Am Anfang war ich zurückhalten. Du wolltest mit mir reden, mich zum Einschlafen hören. Jetzt habe ich das Gefühl, dass du distanzierter bist als ich. Ich habe wahnsinnige Angst. Ich habe mich fallen lassen und jetzt fürchte ich daran zu ertrinken, weil du mich nicht auffängst.

Wir kennen uns nicht und doch kann ich mir nichts schöneres vorstellen, als dass wir uns mögen. Was haben wir uns gesagt, was haben wir uns geschrieben, wie tief und verbunden haben wir uns gefühlt. 1o Tage warst du mein ein und alles auf dieser Welt. Nicht mehr und nicht weniger. 10 Tage warst du der Mittelpunkt meines Universums. Oder bist es zumindest geworden, ohne dass ich es gewollt hätte. Und jetzt kann ich kaum noch atmen. Gleich sehen wir uns das erste mal in unserem Leben von Angesicht zu Angesicht. Ich kann mir nicht ausmalen, wie es wir. Peinlich berührt? Vertraut? Ich möchte noch nicht, dass unser Kapitel schon vorbei ist. Ich möchte, dass wir erst damit angefangen haben es zu schreiben, allen Widrigkeiten zum Trotz.

Alles ich bist du. Ich bin ein Idiot. Ich zerdenke wieder alles. Mache es kaputt, bevor es beginnen kann. Das Leben hat Narben hinterlassen, die Liebe sowieso, und ich versuche sie abzuschüttelt. Ich mache mich nun auf zum Bahnhof, ich kann es nicht erwarten, dich zu sehen!

Noch 25 Minuten. Die Anspannung ist weg. Die Aufregung auch. Eine innere Ruhe ist eingekehrt. Du kommst.

Ich mag Bahnhöfe. Sie sind voller Reisende, voller Träume und Wünsche, voller Geschichte und Zukunft. Ich sitze seit einer Stunde im gelben Licht der Bahnhofsbeleuchtung. Hin und wieder fährt ein Zug ein, Menschen eilen über die sonst verwaisten Bahnsteige. Bei aller Betrieblichkeit finde ich hier meine Ruhe. Zur Rushhour sind Bahnhöfe Monster, die Seelen durch die Gegend werfen. Sobald aber die Sonne sich die Horizont nähert, sind Bahnhöfe Oasen.

Ich sitze jetzt in einer dieser Oasen und starre unentwegt auf die Uhr. Ich habe mich den ganzen Tag verrückt gemacht, den ganzen Tag das schlimmste angenommen, weil Glück so zerbrechlich ist und ich selten etwas davon bekomme. Jetzt halte ich seit 10 Tagen eine unglaublich Große Portion in den Händen. Ich möchte nicht, dass mein Glück kaputt geht.

Noch 15 Minuten. Ich habe mir Fragen ausgedacht, die ich dir stellen kann, wenn du ankommst, damit es nicht so peinlich wird. Aber ich weiß, dass ich all meine Fragen, meine vorbereiteten Floskeln in dem Moment vergessen werde, indem der Zug einrollt. Das macht aber nichts, denn noch geben sie mir Sicherheit.

Unglaublich, was zwei völlig Fremde Menschen sich gegenseitig geben können. Es gibt wenig, was mich an die Menschheit glauben lässt, aber das ist etwas davon. Es ging alles so schnell, dass ich es bisher kaum realisiert habe. Du. Ich. Wir. Und eben auch nicht.

Ich überlege, wieviele Liebschaften hier schon zerbrochen sind, genau an diesem Platz, an welchem ich jetzt sitze. Und wie oft ist die Liebe genau an diesem Ort neu entstanden?

Es ist dunkel geworden. Noch 12 Minuten.

Die Anspannung steigt wieder. Bin das noch ich, der hier sitzt? Ich weiß es nicht, aber dieses ich mag ich lieber.

Der Bahnhof und ich haben vor langer Zeit einmal Freundschaft geschlossen. Im Prinzip sind alle Bahnhöfe meine Freunde. Ich habe auf allen geschlafen, im Schlafsack, kauernd auf meinem Rucksack. Ich habe mit ihnen Sonnenaufgänge geteilt und Sehnsüchte ausgetauscht. Und heute bin ich wieder hier, und versuche meine Sehnsucht zu stillen. Der Bahnhof kennt das schon.

Wir sind alte Freunde.

Noch 9 Minuten.

Gedankenbrei. Nichts geht mehr. Gleich bist du da. Du, die ich aus Email, Telefonaten, Wortspielen, Tweets, Favs und Replies und Mentions kenne. Du, mit der ich nächtelang telefoniert habe und es nicht erwarten konnte die nächste Nachricht von dir zu lesen.

Ich kann dich kaum erwarten.

Noch 5 Minuten.

Ich geh jetzt sterben.

Im nächsten Zug sitzt du. Eine tolle Geschichte. Ich bin schon gespannt, wie es weitergeht. Das Herz hat Sendepause. Der Kopf auch. Ich brauch Ruhe.

Noch 3 Minuten

Gleich wird es ernst. Noch mal Twitter checken. Was auch passiert. Ich weiß nicht, womit ich dich verdient habe.

Noch 2 Minuten

Der Zug wird bereits angezeigt. Ob dein Herz auch so wild pocht? Ich kann es mir kaum vorstellen. Weg ist sie, die Ruhe. Hat sich nichtmal verabschieden. Ist einfach verschwunden und hinterlässt: Chaos.

Jetzt.

Wo bleibt der verdammt Zug. Ich krieg gleich einen Herzinfakt. Aber du hast mir verboten zu sterben, bevor wir uns sehen. Also bleibe ich und warte.

 

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