Shiva (2/2)

Am Ende ging alles ganz schnell. Es dauerte nur wenige Sekunden bis das erschöpfte Tier aufhörte zu atmen,  bis der Körper erschlaffte und das Herz seinen letzten Schlag tat. Mir war beinahe so, als könne ich ihn hören. Manche Katzen brauchen länger die Schwelle in den Tod zu überschreiten, der Körper setzt sich noch einige Zeit länger zur Wehr bis Herzschlag und Atmung aussetzen. Shiva hatte ihren letzten Kampf schon hinter sich, hatte tagelang nichts gegessen, auch die tierärztlichen Behandlungen hatten ihre Spuren hinterlassen, so dass sie beinahe augenblicklich dieser Welt entsagte. Da war keine Kraft mehr übrig, kein Atemzug mehr vorhanden, kein Wille mehr zugegen. Nur Erlösung und Frieden.  Read More

Langer Abschied (1/2)

Es geht dem Ende entgegen. In dir ist kaum noch Leben. Ich lege meinen Kopf auf deinen Körper und fahre mit der Hand durch dein Fell. Ich weiß, du verstehst nicht, was ich sage und dennoch flüstere ich dir zu, dass alles gut wird, dass du kämpfen musst, dass du mich nicht alleine lassen darfst.  Read More

Wut

Warum müssen Menschen stets analysieren, was schief gelaufen ist und was nicht. Warum bei allem, was sie tun, ein Resümee ziehen. Warum binden sich Menschen diesen Ballast auf die Seele, wissen zu wollen. Verstehen zu wollen. Vielleicht, weil sie sich einbilden beim nächsten Mal alles besser machen zu können? Vielleicht, weil sie nicht wissen, was sie sonst machen sollen? Oder vielleicht, weil sie sich der Illusion hingeben, dass sie aus ihren Fehlern lernen. Was durchaus im Bereich des Möglichen liegt. Aber mal Hand aufs Herz und ganz unter uns:

Menschen machen gerne zweimal den selben Fehler. Bestenfalls anlässlich der Vorstellung, es beim zweiten Mal auf  j-e-d-e-n  Fall besser machen zu werden.

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Tag 2

Tag 2 – 5. Noch immer zucke ich zusammen, wenn das Telefon klingelt. Noch immer denke ich, ob sie es vielleicht ist. Ist sie natürlich nicht. Okay, eine SMS hat sie mir geschrieben, die ich unbeantwortet ließ. Natürlich nur in der realen Welt, in meinem Kopf habe ich mindestens 10.000 Antworten formuliert. In Filmen würde die Hauptperson nun einen Whiskey in irgend einer heruntergekommenen Bar schlürfen. Oder es würden Erinnerungen eingeblendet, wie man glücklich Hand in Hand und in Zeitlupe über eine blumenüberflutete Wiese läuft. Der Film würde nun die ganze Latte billiger Klischees abspulen, untermalt von schnulziger Musik, die einem unaufhaltsam die Tränen in die Augen treibt. Read More

Tag 1

Tag 1 nach dem Lebewohl-sagen. Der Vernunftsentscheidung. Der kampflosen Aufgabe. Keine Tränen, kein Geschrei, kein Nichts. Ein kurzer Anruf mit mehr Schweigen als Reden, das war´s, Ende, Aus, Bye-Bye und Ciao. Read More

Das Schwerste ist der Anfang

Der Anfang ist immer das Schwerste. Ich starre auf den blickenden Kursor, der über den leeren Zeilen auf dem Bildschirm thront und mir fallen die vorher so sauber und gründlich zu recht gelegten Worte partout nicht mehr ein. Fragmente und Halbsätze schwirren durch meinen Kopf, aber wie sehr ich mich auch anstrenge und konzentriere, so sehr ich es auch möchte, kein logisches Ganzes ist gewillt, sich aus den Einzelteilen zu erheben. Obwohl ich diese Worte den ganzen Tag in meinem Kopf habe, obwohl sie jedes Mal beim Einschlafen durch die Windungen meines Gehirnes spuken. Phrasen, Floskeln, Sätze, die immer und immer wieder vor meinem geistigen Auge aufblitzen und mir die Nachtstunden rauben. Nicht, dass da viel zu rauben wäre. Read More

Aufbruch

Es ist nur eine Zahl. Gut, sie ist rot, eine rote Zahl, aber nur eine Zahl. Sie verweilt unscheinbar unten am Dock und chillt, als wolle sie mir sagen, ‚Beachte mich gar nicht. Ich bin gar nicht da‘. Das ist freilich etwa so, als würde man Lothar Matthäus in die Playboy-Villa einladen und hoffen, dass er nichts Dummes sagt. Unmöglich. Es ist keine besondere Zahl, nicht zu hoch, nicht zu tief, keine Primzahl oder Quadratwurzel eines epochalen Ereignisses des Maya-Kalenders. Es ist nur eine Zahl von Unzähligen. Sie lautet 274. Read More

Atemzug

Nur einen Wimpernschlag später waren alle Pläne und alle Visionen für die Zukunft zu einer unveränderlichen Vergangenheit geworden. Nur ein Atemzug hatte es gedauert als die Hoffnung in sich zusammensank und nichts als eine gähnende Leere hinterließ. Das Glück war einfach und rein und allgegenwertig. Jede Sekunde ein Geschenk. Ein kleines Geschenk, wieder und immer wieder. Vom ersten Sonnentrahl bis zum letzten Schimmern des Mondes. Ein Geschenk wie ein nie endendes Feuerwerk.

Und auf einmal war es vorbei. Vom Glück blieb nur eine Erinnerung und der Duft der sich in den Wochen und Monaten in jede Ecke gelegt hatte und in die winzigsten Nischen gekrochen war. Das Glück war fort, aber man konnte es noch riechen. Man konnte es noch spüren, wenn man tief und langsam einatmete. Nur das es diesmal wehtat. Ein kleines Stechen, nur ein winziges Stechen irgendwo im Brustkorb, kaum spürbar aber immerda und ohne unterlass pulsierend. Wie Nadelstiche so fein und wie die Liebe so dauerhaft.

Vom Glück blieb nur eine Ahnung. Von den Träumen nur Splitter. Read More

Schweigen

Manchmal ist nicht das Schweigen das Schlimmste, sondern die Erkenntnis, dass man sich nichts mehr zu sagen hat.

Gepäck

Die junge Dame am Schalter lächelt freundlich. Ihre Mundwinkel zeigen nach oben, die Hoffnung nach unten, die Wangen sind leicht rot, die Lippen voll, dahinter eine Reihe strahlend weißer Zähne. Sie steht da und lächelt. Lächelt, als habe sie ihr ganzes Leben nichts anderes gewollt.

Die Haare hat sie streng nach Hinten zu einem Pferdeschwanz gebunden. Ihre Augen sind auffallend blau und und passen gut zu ihrem Lächeln. Sie ist in ein blaues Kostüm gezwängt, welches die Konturen ihrer Weiblichkeit weder sonderlich betont noch groß versteckt. Als wäre es nur aus dem Grund geschneidert worden, alle Sexualität zu neutralisieren. Wenigstens ihr leichtgebräunter Hautton verleiht ihrem Auftreten einen Hauch von Exotik. Sie steht noch immer da und lächelt. Lächelt ein einstudiertes Lächeln. Ein geschäftliches Lächeln. Ein Lächeln wie eine Mauer, wie ein Sichtschutz auf die eigene Seele. Read More

Die Wiederentdeckung der Handschrift

Ich sitze an der Elbe, ein winziges gerade einmal 159-Seiten-umfassendes Taschenbuch dient mir als Schreibunterlage und der Wind peitscht teilweise doch recht eisige Böhen um meinen optimistisch textilarm bekleideten Körper.

Soviel zu meiner Verteidigung. Nicht, dass ich mich verteidigen müsste, wer schreibt heutzutage überhaupt noch Briefe, den man nicht direkt als politisch suspekt, sozial vereinsamt oder emotional gebrandmarkt bezeichnen will. Also bitteschön: Schublade auf, Briefeschreiber rein, Schublade zu. Vor ein paar Tagen habe ich es dennoch gewagt, einen Brief zu schreiben. Mit der Hand! Ja, ich gehöre noch zu jener Generation, die Briefe bekommen und geschrieben haben. Ich besitze Unmengen von Briefen. Kistenweise. Selbst wenn ich mich nicht traue, sie heraus zu holen, um zu erforschen, welcher Wahnsinn mich geritten hatte und welcher Dämon damals meine Handschrift lenkte.

Wie dem auch sei. Locker einen Brief zu schreiben, sollte sich kurzerhand als durchaus ambitioniertes Projekt herausstellen. Ebenso hätte ich mir vornehmen können, ein Auto zu reparieren, deutsche Krimis spannend zu finden, zum Mond zu fliegen oder die europäische Finanzpolitik zu verstehen. Nicht, dass ich das nicht versucht hätte. Read More

-augenblick-

Ich würde dir sagen

Sagen, dass ich mir manchmal mit beiden Händen die Decke über den Kopf ziehe, Musik anmache und so laut aufdrehe bis sie all meine Gefühle, all meine Gedanken aus meinem Kopf hinaus gedrängt hat und ich nur noch das Pochen meines Herzens im Rhythmus der Musik spüre.

Sagen, dass die Welt sich zu schnell dreht und mir manchmal ganz schwindelig davon wird. So schwindelig, dass mir beinahe schlecht ist und ich mich übergeben möchte.

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Scheitelpunkt

Das Leben ist zurzeit nicht gerade einfach, Herz und Hirn liefern sich einen erbitterten Kampf, von der frühen Morgenstunde bis tief in die Nacht. Ein Kampf, wie er epischer nicht sein könnte. Es ist einer jener Scheitelpunkte im Leben, bei denen man auf die vermeintlichen Scherben der eigenen Existenz blickt und orientierungslos, verloren und allein nach einem Fixpunkt am Horizont sucht. Nur es gibt keinen Fixpunkt. Kein Leuchtturm, der einem den Weg weist. Keine Stimme, die einen leitet. Nur Dunkelheit. Was soll ich sagen, das Leben, mein Leben, ist zurzeit nicht gerade einfach. Aber ist es das jemals?

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-augenblick-

Angekommen I

Da waren sie also. Angekommen. Irgendwo und doch nirgends. „Angekommen ist ein komisches Wort”, dachte er. Er mochte komische Worte. Es hatte einen gebrochenen Klang nach Endgültigkeit während es gleichzeitig wenig entschlossen anmutete. Er erinnerte sich gar nicht daran, wann er losgegangen war, an jenen Zeitpunkt, der seiner Reise als Ausgangspunkt dienen sollte. Vielleicht war es schon zu lange her, vielleicht hatte er ihn schlicht vergessen oder verdrängt. Vielleicht war er nie aufgebrochen. Read More

Kleine Dinge…

Ich erinnere mich nicht an den Zeitpunkt als die Suche begann. Als die Ruhelosigkeit in mir zum Leben erwachte, die Ungeduld mich packte und sich tausende kleiner Fragen in mein Bewusstsein bohrten. Ich weiß nicht mehr, ob damals die Sonne schien, ein Herbstwind wehte, es schneite oder schwere Wolken den bevorstehenden Regen ankündigten. Ich erinnere mich nicht an den Zeitpunkt, vielleicht weil er nie wirklich existierte, aber seither bin ich auf der Suche.

Schaue ich zurück, dann lache ich über mich selbst und ohrfeige mich. Rein provisorisch zweimal. Besser direkt dreimal.

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Zahnbürste

Ihre Zahnbürste lag noch immer genauso dort auf dem Waschbecken wie sie sie gelassen hatte, als sie gegangen war. Als sie mit Tränen in den Augen wortlos gegangen war, weil keine Worte dieser Welt in diesem Moment auch nur hätten annähernd skizzieren können, was nicht einmal richtig in ihrem Herzen klar war. Also ging sie, sagte kein Wort, weinte nicht und richtete kein Blick zurück an jenen Morgen, an dem sie ihre Zahnbürste links neben der Armatur liegen gelassen hatte. Read More

-augenblick-

Schlaflos lieg ich dieser Tage, lege jedes deiner Worte auf die golden glänzend Waage.

Schlaflos

Nachts scheinen die Lichter der Großstadt am hellsten. Liegen still wie ein Schleier auf der Stadt und leuchten als hätten sie nie etwas anderes getan. Es hat etwas friedliches, während die Nacht wie ein dunkler Mantel die Straßen bedeckt während nichts ihr zu entkommen scheint.

Nachts scheint eine Ewigkeit zu vergehen, auch wenn sie nur ein flüchtiger Wimpernschlag, ein unmerklicher Augenblick in Antlitz aller Zeitalter ist. Die Nacht hat ihre eigene Magie, umhüllt mal alle Sorgen in Wohlgefallen, lässt mal alle Befürchtungen in einer gleißenden Supernova explodieren. Mal ekstatisch vibrierend, mal liebevoll flüsternd.
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